Fiona und Grant sind seit 44 Jahren verheiratet und wohnen in einem Chalet in der Natur. Jetzt, im Alter, beginnt Fiona mehr und mehr, Dinge zu vergessen, zu verlegen, falsch einzuordnen. Ein Test zeigt: Alzheimer. Fiona weist sich selbst in ein Pflegeheim ein, Grant akzeptiert schweren Herzens. Nach ihrem Einzug darf sie ihren Ehemann 30 Tage lang nicht sehen – danach ist sie verändert, scheint ihn nicht mehr zu kennen und kümmert sich dafür liebevoll um einen anderen Heimbewohner, der im Rollstuhl sitzt. Grant muss nicht nur mit der Unausweichlichkeit von Fionas Schicksal, sondern auch mit seiner Eifersucht zurechtkommen.
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| FILMKRITIK
Sarah Polley ist als Schauspielerin vor allem im Independent-Sektor auf problembeladene Rollen abonniert, die sie mit Bravour meistert. Bei Isabel Coixet zum Beispiel spielte sie in „Mein Leben ohne mich“ eine Krebskranke, die Abschied nimmt, und in „Das geheime Leben der Worte“ das Opfer des Bosnienkrieges. Hier übrigens spielte sie an der Seite der großen Schauspielerin Julie Christie, die in Polleys Regiedebüt im Mittelpunkt steht: „Away from her“ erzählt von Grants langem Abschied von seiner Frau Fiona, die an Alzheimer erkrankt ist.
Ganz sorgfältig baut Polley ihren Film auf, erzählt in zwei Zeitebenen: Den Weg der Krankheit und darin eingeflochten die Möglichkeit eines Neuanfangs. Wo doch für Fiona jede Zeit aufhört zu existieren, weil jede Erinnerung verlischt. In unaufdringlicher Symbolik erzählt Polley: das Langlaufskifahren im weißen, weiten Schnee beispielsweise, zwei Spuren für Grant und Fiona, die getrennt sind, nicht mehr zueinander kommen können.
Ihre Charaktere lassen sich in ihrem Innersten nie von der Krankheit überwältigen, stets behalten sie auch im größten Schmerz ihre Würde, so wie auch Polley in ihrem Film nie in billige Sentimentalität verfällt. Dennoch geht der Film nahe, wie auch für Grant der Abschied schwer und schlimm ist. Er will das vorgezeichnete Ende schon am Anfang nicht wahrhaben, als Fiona nur manchmal ein Wort entfällt, als sie nur mal die Pfanne in den Kühlschrank stellt. Den zweiten Stock der Alzheimer-Residenz, wo die fortgeschrittenen Demenzfälle versorgt werden, will er gar nicht erst besuchen bei der Erstbesichtigung des Heimes. Seine Frau Fiona ist gefasster, zum Abschied schläft sie im neuen Krankenzimmer nochmal mit ihm. Sie ist sinnlich, ironisch, stark; und es ist gut möglich, dass sie in ihrer Anfangszeit in der Klinik nur ein Spiel mit Grant treibt, als sie ihn nicht mehr erkennt und für einen neuen Patienten hält, sich dabei demonstrativ um einen anderen Heimbewohner im Rollstuhl namens Aubrey kümmert. Führt sie bewusst einen Bruch mit ihrem früheren, gesunden Leben herbei, weil sie die Krankheit akzeptiert hat? Oder will sie Grant Strafen für einige Sünden, die er in 44jähriger Ehe begangen hat?
Doch auch bei ihr gibt es große Momente von Traurigkeit, schnell verfällt sie, aus der eleganten Lady wird eine schlabbrige Heimbewohnerin, vor allem, als Aubrey aus finanziellen Gründen ausziehen muss. Was zunächst vielleicht nur Spiel war, das ist, es wird klar, bald ernst geworden. Sie erinnert sich an ihren Mann Grant, bringt aber die Person, die sie immer liebevoll besucht, nicht mit ihm in Verbindung. All ihre Liebe hat sie auf Aubrey gelenkt, der kaum laufen kann, um den sie sich kümmern kann. Die Grenze zwischen Vergessen und Verdrängen ist fließend, und subtil wird angedeutet, dass sich Grant einige Verfehlungen in seiner Ehe geleistet hat. Mit dem Verlust der Souveränität über ihr Denken, ihr Leben, wendet sich Fiona leise, behutsam ab von ihrem alten Dasein, halb bewusst, halb aus fortschreitendem Verlust ihrer Identität.
Grant, aus dessen Perspektive der Film erzählt ist, muss diesen Verlust an Liebe ertragen, und er findet die Stärke, seine Ehefrau loszulassen – bei ihr bleiben, aber getrennt von ihr, wie beim Langlauf. Und wie verzaubert gelingt es Polley, aus einer Geschichte von Trauer und Verlust eine Liebesgeschichte herauszukristallisieren, eine Geschichte von Liebe im Alter, von den vergangenen Tagen, von Veränderung und auch von Eifersucht.
| FAZIT
Unsentimentales, aber ergreifendes Drama um Alzheimer und den Verlust von Liebe, um das Alter und die Hoffnung trotz allem.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung