Alain Resnais begleitet sieben Menschen durch ihren Alltag in Paris. Die meisten von ihnen sind nicht mehr jung. Thierry ist Wohnungsmakler und kann für seine Kundin Nicole und deren Freund Dan keine passenden Räume finden. Die beiden stehen nämlich vor dem Ende ihrer Beziehung. In Thierrys Büro arbeitet die alleinstehende Sekretärin Charlotte, die Thierry eine Videokassette mit einer religiösen Musiksendung leiht. Thierry, der mit seiner Schwester lebt, gibt sich höflich interessiert, doch was er dann auf der Kassette zu sehen bekommt, verschlägt ihm die Sprache.
Dan ist arbeitslos und schüttet sein Herz gerne bei Lionel an der Hotelbar aus. Der Barkeeper hat zu Hause einen tyrannischen bettlägerigen Vater, der alle Pflegerinnen in die Flucht schlägt. Doch die bibelfeste Charlotte, die sich nach der Büroarbeit als Altenpflegerin versucht, lässt sich nicht so leicht vergraulen. Thierrys junge Schwester sucht einen Partner per Annonce – und begegnet so eines Tages Dan, den Nicole aus der Wohnung geworfen hat.
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| FILMKRITIK
Alain Resnais, Regisseur der Nouvelle Vague, ist 84 Jahre alt. Für „Herzen“ erhielt er im vorigen Jahr in Venedig den Silbernen Löwen für die beste Regie, Laura Morante in der Rolle von Nicole wurde als beste Darstellerin ausgezeichnet. Resnais ist ein Bewunderer des englischen Bühnenautors Alan Ayckbourn, und adaptiert in „Herzen“ dessen Theaterstück „Private Fears in Public Places“. Resnais’ Studie über Einsamkeit, Sehnsucht und Altern in der Großstadt besticht durch eine virtuose Inszenierung, großartige schauspielerische Leistungen und verspielt-originelle Experimente mit den Möglichkeiten des Theaters und der vom Schnitt gesteuerten Dramaturgie des Films.
Resnais teilt „Herzen“ in 54 Sequenzen auf: Thierrys Schwester Gaelle sitzt wartend im Café, Überblendung auf den Schneefall draußen, Charlotte bringt dem alten Arthur in Lionels Wohnung einen Teller Suppe ans Bett. Alle Sequenzen, die sich im Laufe des Films manchmal auch zu Bühnenmonologen dehnen, sind durch diesen nicht endenden Tanz der Flocken verbunden. Man hat den Eindruck, auf eine Drehbühne zu schauen. Resnais lässt den Lärm und die Hektik der Großstadt nur erahnen und zieht sich in die Intimität der Innenräume zurück. Manchmal blickt man von oben in die deckenlosen Wohnungen, die Thierry seiner Kundin zeigt. Einmal sogar gestattet sich Resnais eine Halluzination – und lässt für einen Augenblick die Hände von Lionel und Charlotte auf einer Schneedecke ruhen. Manchmal leisten sich Thierry und die anderen Figuren theatralische Gesten der Überraschung und bekennen sich damit zur Situationskomik.
Dies alles ist natürlich, wie sich das für das Werk eines Meisters gehört, nur Funktion, dient dem Inhalt, der zunehmenden Konzentration auf die Charaktere und deren seelischen Zwiespalt, das Ungesagte. Man kennt diese handwerkliche Perfektion aus Filmen alt gewordener Regisseure wie Clint Eastwood oder Woody Allen, die gleichermaßen aus einem Füllhorn von Leichtigkeit und philosophischen Fragen an das Leben schöpfen. Auch bei diesem Werk von Resnais kann man wahlweise nur seinem wachsenden Interesse für die Personen folgen, oder sich lustvoll verlieren in den angedeuteten Seitenwegen.
Resnais wendet zu diesem Zweck folgendes Hilfsmittel an: Er gibt den Schauspielern eine Information mehr über den Charakter, den sie darstellen, als im Film zur Sprache kommt. So beschrieb er André Dussollier den Makler Thierry als Freizeitmaler. Im Film ist davon nichts zu sehen. Aber Dussollier schafft es auf faszinierende Weise, seinem Thierry sozusagen räumliche Tiefe zu verleihen. Thierrys charmantes, manchmal verlegenes oder kindliches Lächeln überrascht, weil es etwas anderes erzählt als seine Worte.
Davon handeln dann auch wieder die Beziehungsgeschichten: Die Worte, die die Menschen verwenden, um sich aus der Einsamkeit hervorzutasten, sind vergänglich. Sie malen Bilder der Verheißung vor das geistige Auge, schaffen Missverständnisse, zerschneiden Verbindungen. Man verpasst Gelegenheiten, weil sie sich dem sicheren Zugriff entziehen. Man schwankt zwischen Wahrung des Erreichten und dem inneren Feuer. Der einem Aristokraten ähnelnde Barkeeper Lionel pendelt in seinen Dialogen mit dem Trinker Dan zwischen Etikette und Anteilnahme. Bei Charlotte und Lionel glaubt man streckenweise, sie könnten zueinander finden, das Gleiche passiert bei Charlotte und Thierry, bei Dan und Gaelle.
Und doch legen sich die bereits geschlossenen Kompromisse mit dem Leben auf diese Momente der Begegnung. Die Schneeflocken, die Neues versprachen, spenden nun Trost. Umso intensiver werden die Augenblicke, etwa wenn sich Gaelle und Dan betrunken auf eine Treppe legen. In diesem kurzen Ausbrechen blitzt Versöhnung auf. Wie sie auch die Liebe zu den Geschichten bietet, zum Erzählen, zum Schauspiel, den Formen der filmischen Annäherung.
| FAZIT
Alain Resnais jongliert meisterhaft mit den Begegnungen und Geheimnissen einsamer Städter.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung