Ende der 60er, Anfang der 70er hielt ein Serienkiller Kalifornien in Atem: Er nannte sich Zodiac, ließ Briefe und chiffrierte Botschaften in Zeitungen veröffentlichen, berichtete detailliert über seine Mordtaten. Faszination und Schrecken herrschten in der Bevölkerung; und der Täter, ein Phantom, ließ sich nicht erwischen…
Paul Avery vom San Francisco Chronicle und die Polizisten Dave Toschi und William Armstrong sind dem Killer hinterher, sammeln Hinweise, verhören Zeugen, und tatsächlich schält sich Arthur Leigh Allen als Verdächtiger heraus – doch ein Handschriftenvergleich bleibt ergebnislos, die Beweise reichen nicht.
Im Lauf der 70er werden immer wieder Briefe von Zodiac veröffentlicht, doch die Ermittlungen sind gestoppt. Nur einer forscht weiter: Robert Graysmith, Karikaturist des SF Chronicle, will die Wahrheit wissen, als alle anderen schon das Handtuch geworfen haben. Und schreibt schließlich zwei True-Crime-Bücher über die Morde, auf denen der Film beruht.
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| FILMKRITIK
Ein geheimnisvoller Serienkiller, der mit den ermittelnden Polizisten ein perfides Spiel treib, die Besessenheit, den Mörder zu überführen, die Überlegenheit des Bösen über das Gute: Ist „Zodiac“ eine Neuauflage von David Finchers Erfolg „Se7en“? Der Anfang des Films zeigt ein Liebespärchen im Auto auf einem Parkplatz über der Stadt, nächtliche Zweisamkeit, ein verbotenes Stelldichein: das perfekte Setting für einen standesgerechten Mord, die perfekte Ausgangslage für einen typischen Genre-Thriller. Doch Fincher geht ganz schnell weg von dieser Erwartungshaltung, Und zeigt etwas völlig anderes.
Etwas völlig anderes? Er zeigt, und das ist der Clou des Films, die Ermittlungsverfahren gegen einen unbekannten Serienmörder aus verschobener Perspektive. Aus einer mehr oder weniger stark weggerückten Sichtweise als der, die man aus „normalen“ Killerthrillern gewohnt ist. Keine direkte Bedrohung, keine persönliche Involvierung in die Morde, keine auf Suspense ausgerichteten Standardsituationen, kein Frage-und-Antwort-Schema aus Mord und Polizeireaktion. All das bedeutet eine Abkehr von der erwartbaren Dramaturgie, eine Verweigerung der Klischees – und ja, auch das: eine Enttäuschung des Zuschauers, der finstere Fincher-Spannung erwartet.
Paul Avery, Zeitungsreporter, und die Kriminalpolizisten Dave Toschi und William Armstrong ermitteln – miteinander und gegeneinander – im Fall des Zodiac-Killers. Der ohne Motiv Menschen umbringt, sich dann in Briefen und verschlüsselten Botschaften an die Zeitungen wendet, sich zum Medienereignis hochschaukelt, zum faszinierenden Phantom, zum schrecklichen Schwarzen Mann wird, dessen Geheimnis und Bedrohlichkeit Angst und Schrecken verbreitet und ein wohliges Gruseln.
Zodiac spielt ein Spiel, er gibt die Regeln vor, nach seiner Pfeife müssen alle tanzen – der Hype um ihn herum, seine Unfassbarkeit und sein fragwürdiger Starruhm verbergen dabei geschickt die Tatsache, dass der Täter im Grunde recht stümperhaft vorgeht. Einige seiner Opfer, die er für tot hielt, überleben, die anderen konnte er vor allem wegen des Überraschungsmomentes überwältigen – ein Genickschuss für einen Taxifahrer, das ist keine große, böse Schurkentat, kein Jagderlebnis, wie er seine Morde in den Briefen gerne stilisiert. Seine Selbstvermarktung täuscht einen gewaltigen Terror vor vom perfekten, nie handhabbaren Killer – dieser Selbstinszenierung verfällt auch der Filmzuschauer, obwohl er zugleich um Zodiacs Unzulänglichkeiten weiß.
Das ist Teil des Spiels, das Fincher treibt. Er zeigt ein Faszinosum, zeigt, wie ihm Menschen verfallen – und zugleich zeigt er, wie dieses Faszinosum konstruiert wird vom Killer selbst. Ein Blick hinter die Kulissen einer mörderischen Medienverführung also, oder, wie Drehbuchautor und Produzent James Vanderbilt sagt: „Zwar bestand die Gefahr, auf eine Meta-Ebene abzugleiten, aber ich fand es schon sehr verführerisch, einen Film über die Verführungskraft von Worten zu machen: Der Autor schreibt über einen Autor, der über einen Killer schreibt, der berühmt wurde, weil er tolle Briefe schrieb. Denn Zodiac schrieb verdammt gruselige Briefe – nicht an die Cops, sondern an andere Autoren. Zeitungsmacher, die entsprechende reagierten: ‚Scheiße, das ist echt toll. Das sollten wir bringen’“.
Die Besessenheit der Ermittler vom Killer ist durchweg glaubwürdig, weil der Filmzuschauer selbst vom geheimnisvollen Gegenstand des Films gepackt wird – und man wird erschlagen von Fakten, von Vermutungen, Hinweisen, Indizien, die zu nichts führen, denn der Zodiac-Killer wurde nie gefasst, die Beweise reichten nicht einmal dafür, die Verdächtigen anzuklagen.
Detailliert haben Fincher und sein Team recherchiert, Akten gewälzt, alle beteiligten Personen interviewt, nur, um ständig auf Widersprüche in den Erinnerungen zu stoßen. Im Film selbst sind diese akribischen, obsessiven Recherchen thematisiert, in der Figur des Robert Graysmith, der sich in den Fall hineinsteigerte, nachdem er schon lange vorbei war.
Laufen Ende der 60er, Anfang der 70er alle Spuren ins Leere, so beginnt Graysmith viele Jahre später, pedantisch Spuren zu verfolgen und verlorengegangene Hinweise zu sammeln. Vorher war er nur eine Randfigur, ein Zeitungskarikaturist, der Paul Avery beim Recherchieren zusah und sich mit diesem verbunden fühlte. In diesen ersten zwei Dritteln des Films wird die Vergeblichkeit aller Bemühungen gezeigt, eine schnelle Abfolgen von Fakten, ein Konvolut von Fingerabdrücken und Handschriftvergleichen, die allesamt ins Leere führen. Wie auch der Film selbst voller absichtsvoller Leerstellen ist, weil sich der Zuschauer vieles selbst ausmalen kann. Wie ein Opfer aus dem Wagen des Killers entkommt, wo die eine Zeugenaussage herkommt, wie der andere Verdächtige sich als unschuldig herausstellt, manche Morde werden nur aus zweiter, dritter Hand angesprochen. Dazu bürokratischer Hickhack der polizeilichen Zuständigkeiten in verschiedenen Countys, was das Ausstellen eines Durchsuchungsbefehles monatelang verzögert, fehlende Kommunikation mit Polizeidienststellen ohne Faxgerät; und immer wieder Nachahmungstäter, die die Ermittler auf den Holzweg bringen… Ganz nebenbei spielt die gesellschaftliche Modeerscheinung des Zodiac-Falles mit hinein, da sind „I am not Avery“-Buttons in Anspielung auf den Reporter, der vom Mörder bedroht wurde, da ist der Film „Dirty Harry“, der den Fall aufgreift.
Und dann, plötzlich, die Konzentration aus der multipersonalen Ermittlungsgeschichte auf einen Mann, auf Robert Graysmith, der sein Leben der Aufklärung widmet, sich hineinsteigert mehr als alle anderen, die schon ausgestiegen sind – aus Gleichgültigkeit oder Ermüdung, von Drogen betäubt oder der Zuständigkeit entflohen. Ganz subjektiv wird der Film hier, gleichzeitig geht es um den persönlichen Verfall des besessenen Rechercheurs, der nicht gewinnen kann – auf Graysmiths Bücher über den Fall bezieht sich der Film, Graysmiths unbewiesene Vermutung über den Täter übernimmt er weitgehend, und gleichzeitig ist am Ende doch alles offen. Bezeichnenderweise wird der Killer von drei verschiedenen schattenhaften Darstellern gespielt.
| FAZIT
David Fincher bürstet den Serienkillerthriller, dem er selbst mit „Se7en“ einen der Genreklassiker hinzugefügt hat, gegen den Strich. Die mühsamen Ermittlungen stehen im Mittelpunkt, und die selbstzerstörerischen Obsessionen, die sie auslösen können.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung