Ein Haufen kahlgeschorener Personen. Sie feiern. Sie trinken. Sie hassen. Und zwar jeden, der nicht so ist, wie sie. Die Schwarzen, die Braunen, die Gelben, die Roten, und sollte einer von ihnen an Marsmenschen glauben, sicherlich auch die Grünen. Doch einer bewegt sich durch die Menge mit gesenktem Haupt. Er schämt sich. Er hat zwar wieder Haare auf dem Kopf, jedoch kann er seine Vergangenheit nicht verleugnen, nicht ausradieren. Er schämt sich, dass er einst zu diesen Menschen gehörte, schämt sich seiner Mitverantwortung für das alles. Derek Vinyard (Edward Norton) weiß, dass er falsch gehandelt hat, dass er Scheiße gebaut hat und das über Jahre. Derek Vinjard hat gepöbelt, geprügelt, gestohlen, getötet und das alles, weil er seinen Hass auf Menschen projizierte, die seiner Meinung nach nicht so waren wie er. Über drei Jahre saß er im Gefängnis. Aber der schlimmste Skinhead, den man sich vorstellen kann, hat im Knast was gelernt.
Warum war er dort? Die Rückblende zeigt es: während der junge kahlgeschorene Derek der auf seiner Brust ein Hakenkreuz, dass seinen "Feinden" ein freundliches "Nicht willkommen" symbolisieren soll, tätowiert hat, wilden Sex mit seiner Freundin Stacey (Fairuza Balk) hat, versuchen drei schwarze Jugendliche seinen Wagen zu stehlen. Derek merkt es, dreht durch, rast nur in Boxershorts und mit einer Waffe in der Hand auf die Straße.
Er schießt und tötet einen der Diebe mit mehreren Schüssen in die Brust, den zweiten verletzt er, der dritte kann knapp entkommen. An dem verletzten Jungen lässt Derek seine Wut aus. Wahn ist in seinen Augen zu sehen. Und Angst. Und Verzweiflung. Aber auch Entschlossenheit. Als die Polizei anrückt ist auch der zweite Junge tot. Derek wird festgenommen und wegen Totschlags verurteilt. Dies alles hat sein jüngerer Bruder Danny (Edward Furlong) mit angesehen. Sein Idol ist jetzt im Gefängnis.
Jemand muss Dereks Aufgaben weiterführen. Danny nimmt seinen Platz ein und gehört auch bald zur Skinhead-Gang von Venice Beach. Im Gefängnis dreht sich für Derek derweil eine Welt. Von seinen weißen „Freunden“ wird er vergewaltigt, bei einem schwarzen Mitinsassen in der Gefängniswäscherei findet er den nötigen Halt zum überleben. Von ihm lernt er auch, was ein Menschenleben wert ist.
Derek kommt aus dem Gefängnis frei - und muss erkennen, dass er seine Familie zerstört hat. Nun muss er retten, was noch zu retten ist. Er muss seinem Bruder klar machen, dass er den falschen Weg gewählt hat und ihn aus der Organisation rausziehen. Doch gegen ihn steht der mächtige Cameron Alexander (Stacey Keach), einst sein Ziehvater und Mentor. Der hat die Neonazi-Bewegung in Venice erst in Gang gesetzt, die Polizei konnte ihm bisher jedoch nichts nachweisen. Für Bruder Danny ist Cameron ein großer Held. Während Derek versucht, seinen Bruder zu retten und sich gegen die Skins zu verteidigen, muss er sich auch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, die ihn mittlerweile anwiedert und die sich nicht verleugnen lässt.
WERBUNG
| FILMKRITIK
„American History X“ packt ein gefährliches Thema an - und stößt auf die gleichen Probleme, mit denen schon andere ähnliche Projekte wie "Romper Stomper" zu kämpfen hatte. Das Problem ist nicht, seine Aussage klar zu formulieren, sondern viel eher von der Gesellschaft richtig verstanden zu werden. Auch "American History X" wird teilweise als nationalsozialistischer Mist verschrien. Und damit eigentlich zutiefst beleidigt, denn der Film ist politisch völlig korrekt. Übersehen wird dabei auch, dass seine eigentliche Aussage nicht nur die Skinhead-Bewegung betrifft, sondern viel eher jeden von uns, denn im Mittelpunkt steht die These, dass Hass nur Hass hervorbringt und dass hassen eigentlich schwachsinnig ist.
Dies wird sehr deutlich in einer Szene im Gefängnis, in der Derek sich mit seinem neuen schwarzen Freund in der Wäscherei unterhält. Dieser bindet sich ein Bettlaken um den Kopf und tut so, als wäre er vom Ku-Klux-Klan: "Was machen wir denn heute? Ach ja, Nigger hassen. Und dann? Dann hassen wir immer noch Nigger. Wir tun nichts anderes als Nigger hassen. Und warum? Weil wir nichts besseres zu tun haben. Nur darum hassen wir Nigger." Diese Sätze und das bittere Ende dazu machen die gesamte Wucht des Films aus und definieren ihn.
Bereits im März 1997 abgedreht, musste "American History X" noch einen langen Weg bis in die Kinos zurücklegen. Der ehemalige Werbeclib-Regisseur Tony Kaye soll das beeindruckende Skript von David McKeena auf die Leinwand bringen. Die Produzenten von New Line Cinema wissen noch nicht, mit welchen Problemen sie damit konfrontiert werden. Kaye ist ein ausgezeichneter Kameramann, dass kann man an den äußerst stilistischen und atmosphärischen Bildern erkennen.
Auch sein Inszenierungsstil ist nicht zu bemängeln. Doch Tony Kaye ist eine Primadonna, gegen die Madonna & Co engelsgleich wirken. Sein Hauptdarsteller Edward Norton, der 1996 für sein Debüt in "Zwielicht" für den Oscar nominiert wurde und in "The People vs. Larry Flynt" als Anwalt glänzte, ist Tony Kaye zu weich und schlaff. Er versucht Norton wieder loszuwerden. Erfolglos, denn dem gefällt der Stoff so gut, dass er den Job für wesentlich weniger Geld als seine sonstige Mindestgage annimmt.
Als nach einigen Wochen der Film fertig gedreht ist, beginnt Tony Kaye zu schneiden. Und die Monate vergehen. Seine erste Version gefällt ihm nicht, er schneidet eine straffe 87 Minuten-Fassung. Die Produzenten bekommen langsam kalte Füße, so dass Edward Norton zurückschlagen kann. er beginnt seine eigene Fassung zu schneiden, die bei Testvorführungen euphorisch gefeiert wird. Kaye ist erbost, als die Produzenten diese Fassung ins Kino bringen wollen, er startet in Hollywood eine große Hetzkampagne gegen sie.
Als nach mehreren Monaten Kaye immer noch keine fertige Fassung abgegeben hat, wird die Norton-Fassung im Oktober '98 in die US-Kinos gebracht. Während Kaye tobt, bekommt der Film glänzende Kritiken - oder eben solche, die in ihm Propaganda sehen. Kaye versucht noch - vergeblich - seinen Namen von dem Projekt zurückzuziehen. Der Film wird kein Megahit, er spielt innerhalb der ersten zwei Monate nur gut sechs Millionen Dollar ein.
Im März des gleichen Jahres wird Edward Norton als bester Hauptdarsteller für den Oscar nominiert - und bekommt ihn wieder nicht, obwohl er ihn meiner Meinung nach mehr als verdient hätte. Er spielt seine zwei Rollen, den von der Gesellschaft enttäuschten und getäuschten Nazi, und den geläuterten Jungen aus Venice, der einfach nur noch glücklich mit seiner Familie sein will mit einer solchen Intensität, dass es einen fast umhaut. Edward Norton ist ohne jede Frage einer der brilliantesten Schauspieler der neuen Hollywood-Garde, vielleicht sogar der Brillianteste.
Ebenfalls überdurchschnittlich spielt Edward Furlong. In der Rolle von Dereks kleinem Bruder Danny gelingt es auch ihm, sowohl die nach außen dringenden rassistischen Vorurteile, als auch die eigentliche innere Überzeugung zu vermitteln. Ebenfalls großartig agieren die aus der Versenkung der 80er Jahre aufgetauchten Darsteller Stacey Keach, Elliott Gould und Beverly D'Angelo. Insgesamt ein äußerst vielschichtiger und anspruchsvoller Film für den man Nerven braucht, nicht wegen harter Effekte, sondern um zu erkennen, dass dies keine reine Fiktion mehr ist - leider.
| FAZIT
Ein äußerst vielschichtiger, lohnenswerter Film für den man Nerven braucht
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
Gesamtwertung:
Autor: Sebastian Schmidt
| FILMPLAKAT
Derzeit ist kein Plakat für diesen Film vorhanden.