Die spanische Studentin Lourdes besucht die Schule für visuelle Kunst und dreht einen Videofilm. Sie fährt in das baskische Bergdorf Obaba, wo sie mit der Kamera festhält, was ihr die Bewohner erzählen. Da gibt es den mysteriösen Gasthausinhaber Ismael, der Eidechsen mit sich herumträgt. Er soll, so erzählt es eine Frau, ihrem Bruder als Kind eine Eidechse ins Ohr gesetzt haben, die sein Gehirn angefressen hat.
Ein altes Klassenfoto im Gasthaus macht Lourdes neugierig. In Retrospektiven erfahren die Zuschauer die Geschichten der Lehrerin und einiger Schüler von damals. Als Lourdes schließlich ihren Videofilm schneiden soll, ist sie nicht mehr dieselbe. Ein Arzt stellt fest, dass ihr linkes Trommelfell verletzt ist. Was war mit ihr passiert, als sie im Schuppen mit den vielen Eidechsen einschlief?
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| FILMKRITIK
Die junge Lourdes sitzt am Steuer ihres Autos. Sie fährt in der Nacht auf einer Straße durch endlosen Wald. Das erinnert an böse Filme. Blitzte da nicht im Licht der Scheinwerfer eine Gruselgestalt am Waldesrand auf? Und dann steht dieser Wagen plötzlich auf der falschen Straßenseite. Ein Mann taucht aus dem Wald auf, Lourdes muss bremsen. In der Hand hält er eine Eidechse mit blauem Kopf. Er schaut, als wäre er ertappt worden.
Doch anstatt hier die Weichen auf einen Horrorfilm zu stellen, fährt die Geschichte weiter ins Ungewisse. Lourdes kommt in ein uraltes Dorf aus Stein. Im Hintergrund schimmern tagsüber, wenn es nicht wie aus Kübeln gießt, die weißen Felsen der Pyrenäen. Was Lourdes mit ihrer kleinen Videokamera hier sucht, weiß man zunächst noch nicht. Auf jeden Fall scheint die Frau Recht zu haben, die sie vor Ismael warnt. Er ist der Mann, den sie nachts auf der Straße traf. Und in seinem Gasthaus hängt dieses alte Klassenfoto: Darauf hält der kleine Ismael eine Eidechse ans Ohr eines Mitschülers.
„Obaba“ des spanischen Regisseurs Montxo Armendáriz basiert auf dem baskischen Kurzgeschichtenbuch „Obabakoak oder Das Gänsespiel“ von Bernardo Atxaga. Das Werk wird gerühmt als Illustration der baskischen Identität und als Studie über das Geheimnisvolle in einer abgeschotteten Welt, in der sich Realität und Fantasie vermischen. Der Regisseur macht daraus einen herrlichen Filmspaß, der in die Frage mündet, ob sich das Leben auf einer Leinwand einfangen lässt.
Lourdes, von Armendáriz als Bindeglied zwischen den Geschichten erfunden, soll mit dem Filmprojekt lernen, den Aufnahmen ihre eigene Bedeutung zu geben. Doch nach einigen Tagen in Obaba stellt sie fest: „Man kann keine Fische fangen, ohne sich nass zu machen.“ Doch bis zu dieser Enttäuschung für das Filmemachen, diesen Punktsieg für das Leben, das Gezeichnetsein, wird man Zeuge spannender Abenteuer. In der doppelten Bedeutung des Wortes spinnen sich Assoziationen durch die Retrospektiven, ziehen ihre zarten Fäden von der Einsamkeit der jungen Lehrerin zur Kindheit des Außenseiters Esteban, zum Trauma, das den erwachsenen Lucas verfolgt.
In Obaba gibt es Probleme mit der Briefzustellung. Die arme junge Lehrerin ging einst täglich auf die Post, um nach Briefen ihres fernen Geliebten zu fragen. Briefe erhielt jedoch ein anderer: ihr blonder Schüler Esteban, und zwar von einem fremden Mädchen aus Hamburg. Manchmal bringt der Postbote Briefe, mit denen niemand mehr gerechnet hat. Kann man solchen Botschaften aus der Außenwelt trauen?
Begierde, Verführung und Sünde überfallen die unschuldigen jungen Menschen wie der gnadenlose Regen, besetzen ihre Gedanken oder zwingen sie ins Exil einer Berghütte. Scheinbar kleine Dramen entfalten in der steinernen Kulisse eine erbarmungslose Naturgewalt, der Nachbar mutiert zum fremden Schatten, jeder ist auf sich allein gestellt. Wäre da nicht die Geschmeidigkeit der Eidechsen, oder der kleine Junge Ismael auf seinem Fahrrad. Sein Witz ist wie eine frische Brise, die durch den Film und das Bergdorf weht. Sein Freund Esteban leidet seit Jahren darunter, dass er nicht wie die anderen in die Kirche darf. Eines Tages nimmt ihn Ismael einfach mit – damit sie nachher nicht zu spät ins Kino kommen.
| FAZIT
In einem baskischen Bergdorf soll es Eidechsen geben, die das Ohr beschädigen: Herrlich versponnene Fahrt auf dem Rad der Erzählungen.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung