Daniel und Laura sind auf gemeinsamem Marokko-Urlaub. Bei einem Ausflug in die Wüste verlassen sie die Piste – und finden nicht mehr den Weg zurück. Verzweifelt irren sie durch den endlosen Sand – als plötzlich ein geheimnisvoller Fremder mit seinem Motorrad auftaucht und sie wieder zurückführen will. Das Motorrad voraus, der Jeep hinterher – doch der Rückweg scheint länger als der Hinweg, der schweigsame Fremde entfacht das Misstrauen von Daniel, und mit seinen kleinen Provokationen stellt er die Beziehung zwischen Daniel und Laura auf die Probe…
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| FILMKRITIK
Beim Wüstenausflug fahren Daniel und Laura aus Abenteuerlust von der Straße ab, so wie Rotkäppchen vom rechten Weg abkommt; und der Wind verweht die Spuren, so dass sie wie Hänsel und Gretel nicht mehr zurückfinden. Von Anfang an macht der Film keinen Hehl daraus, dass er wie ein Märchen begriffen werden will; wohlgemerkt: ein Märchen im eigentlichen, volkstümlich-mythischen Sinn, nicht eine einfache Kindergeschichte mit Lustigkeit und Zauberei und Happy End. Vielmehr setzt „Fata Morgana“ die Wüste an Stelle des mythischen Märchenwaldes, der Dunkelheit, Prüfung und Initiation bedeutet.
Aus dem Nichts taucht ein Fremder ohne Namen auf, wortkarg, lange Haare, schwarze Kleidung, die Kippe lässig im Mundwinkel: ein böser Wolf? Ein Geist? Ein Retter in der Not? Der Teufel oder ein Engel? Ihm jedenfalls sind Daniel und Laura ausgeliefert, er ist der Führer durch die weite, leere Wüstenlandschaft, die Schwelle, die es zu überwinden gilt, der Prüfstein für ihre Beziehung zueinander, die kommunikativ und emotional von Anfang an gestört scheint.
Er ist die erste als existentiell empfundene Bedrohung im Leben von Daniel und Laura, und beide gehen ganz unterschiedlich damit um. Daniels Misstrauen, seine verschämten Versuche, die Handlungshoheit wiederzuerlangen, zeigen, dass er sich zwar nicht an die Regeln des Fremden halten will, dabei aber zu zaghaft und inkonsequent ist, um sie wirklich zu brechen. Dagegen reagiert Laura nur, hängt sich an den Fremden, ergreift nie die Initiative, lässt sich willig auf ihn ein. Beide sind unreif, kindisch, ohne Rückgrat und eigene Haltung – und das nutzt der Fremde aus, der mit ihnen spielt, dessen süffisant-lakonisches Lachen und provozierende Blicke einen Spiegel all der Schwächen des jungen Paares bilden.
Darum geht es: einmal etwas richtig zu machen, einmal richtig etwas zu machen, etwas ganz und gar zu vollbringen – aber dabei hinterlassen Daniel und Laura nur Scherben, weil sie nie gelernt haben, sich einer Herausforderung zu stellen.
Das Überwinden ist der metaphysische Zweck der Wüstenreise, die nie als etwas Reales gezeigt wird, die immer etwas Unwirkliches an sich hat, die man also nie für bare Münze nehmen – die man aber auch nicht als bloße metaphorische Allegorie, als Phantasie oder Traum abtun darf. Die Reise – sie ist natürlich auch eine innerliche, in die eigene Seele – spielt sich in einem faszinierenden Zwischenreich ab.
Und welch fantastische Locations Simon Groß für seinen Film in der Wüste gefunden hat! Unberührtes Land, Sand, Steinebenen, uralte Steinmauern an felsigen Hügeln, Salzflächen und eine verlassene Wüstenstadt mit verwinkelten Ruinen und labyrinthischen Wegen. Hier kulminiert das Zusammen- und Auseinanderspiel von Wirklichkeit, Phantasie und Halluzination. Eine letzte große Auseinandersetzung mit dem seltsamen Fremden, dem Bedroher, dem Retter vielleicht ist die letzte Stufe des Reifungsprozesses, den Daniel und Laura durchlaufen müssen – für die sie aber doch zu selbstsüchtig, zu sehr gefangen in den eigenen (falschen) Gedanken und Gefühlen sind. Und es ist klar: Wer Schuld auf sich lädt, kann nicht erlöst werden, das ist wie im Märchen. Nur dass dort, wenn dann schließlich doch der Lernprozess des Protagonisten erfolgreich abgeschlossen ist, am Ende doch jede Kerbe ausgewetzt ist.
| FAZIT
Eine mythische Wüstenreise ist der Prüfstein für das junge Paar Daniel und Laura: für ihre Beziehung zueinander, für ihre Integrität als Individuum, für ihren Umgang mit dem Fremden.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung