Der Bergmann San-ming Han kehrt nach 16 Jahren in die Stadt Fengjie am Fluss Yangtze zurück. Er sucht seine Frau, die ihn vor langer Zeit mit der gemeinsamen kleinen Tochter verlassen hatte. Doch wo sie einst lebte, steht jetzt das Wasser des Drei-Schluchten-Staudamms. Han macht zwar seinen Schwager ausfindig, doch der verlangt, dass Han ein paar Monate in der Stadt bleibt und wartet – seine Frau werde sich dann vielleicht melden. Han mietet eine Unterkunft und arbeitet mit beim Abbruch der Häuser. Bis das Wasser die dritte Staustufe von 156,5 Metern erreichen kann, müssen noch viele Wohnblocks abgerissen werden.
Auch die Krankenschwester Shen-hong Guo besucht die verschwindende Stadt, weil sie ihren Mann sucht, der hier arbeitet und sich seit zwei Jahren nicht mehr bei ihr gemeldet hat. Beide Suchenden müssen viel Geduld aufbringen und Umwege in Kauf nehmen, bis sie ihre Partner wiedersehen.
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| FILMKRITIK
„Still Life“ des chinesischen Regisseurs Jia Zhang-Ke hat 2006 den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen. Die fast stummen Personen des Spielfilms wirken wie hypnotisiert von der Wucht der Abbrucharbeiten am Ort des Drei-Schluchten-Staudamms. Die Altstadt von Fengjie mit ihrer 2000-jährigen Geschichte wurde abgerissen, das noch lange nicht abgeschlossene Stauprojekt wird insgesamt über eine Million Menschen ihr Zuhause kosten. Auf einer der Fähren begrüßt eine weibliche Mikrofonstimme die Gäste und die Umsiedler. Denn wer hier zu tun hat, will entweder das chinesische Prestigeprojekt besichtigen, oder muss seine Wohnung räumen.
Wie üblich dreht Jia Zhang-Ke mit ihm vertrauten Laiendarstellern. Sie blicken hier in langen Einstellungen oft auf das Chaos am Fluss. Mit dem Realismus einer Dokumentation folgt die Kamera dem orientierungslosen Han in eine Herberge, in der Abbrucharbeiter wohnen. Viele der Männer sind hier fern ihrer Familie, und Han wird bald schon von einer Kupplerin gefragt, ob er auch eine Frau suche. Käufliche Liebe ist hier überall zu bekommen, doch ist es für Männer auch nicht ungewöhnlich, sich selbst die Ehefrau zu kaufen.
Jia Zhang-Ke macht die Zuschauer wie seine Hauptfigur zu Beobachtern, die mühsam Orientierung zu gewinnen versuchen. Anstatt einer Filmhandlung ist das Geschehen in unzählige kleine Szenen aufgesplittet. Die Suchenden erhalten allenfalls Tee oder eine hingeworfene Frage von Fremden, anstatt die erhofften präzisen Auskünfte. Doch in den Frust und die Ratlosigkeit mitten im Lärm und Staub der Abbrucharbeiten mischen sich allmählich Szenen der Erholung. Han genießt schließlich die Wohltat einer kleinen Feier: Beim Essen in der überfüllten Wohnküche verteilt er Zigaretten, und die wortkarge Gemeinschaft erlebt für ein paar Minuten Geborgenheit.
Die Protagonisten suchen am Ufer des Flusses wie Außenseiter nach Stätten, an denen man kurz verweilen kann. Sie proben ein paar Schritte auf der Tanzgesellschaft für Ehrengäste des Stauprojekts, sie freuen sich über ein geschenktes Bonbon, das eine lange Wartezeit in einem Neubauviertel versüßt. Der Staudammbau ist hier nur ein Beispiel für den globalen Umbruch in China, der den Alltag zum Abenteuer macht. Auf sich selbst zurückgeworfene Menschen suchen ihren Platz in einer verwirrenden Umgebung.
Jia Zhang-Ke verteilt großzügig Seitenhiebe auf die Einflüsse der westlichen Zivilisation. Handies und ihre Klingelmelodien werden in einer Zweier-Szene wie Fetische präsentiert. Ein junger Mann in Hans Unterkunft spielt in seinem Verhalten den Helden seiner Actionfilme, ein kleiner Junge singt mit Inbrunst Popmusik, bei der nur die Worte chinesisch sind. Auf der anderen Seite gibt es den ehrbaren Menschen, der Funde aus der alten Han-Dynastie ausgräbt, das traditionelle Bestattungsritual am Fluss, den Fleiß des bescheidenen Bergarbeiters.
| FAZIT
Jia Zhang-Ke porträtiert mit dokumentarischer Härte und mit Sympathie für die Menschen den gesellschaftlichen Umbruch in China am Beispiel des Drei-Schluchten-Staudamms am Yangtze.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung