Ein Bus bringt den einzigen Passagier in eine nordische Wüste. Der Mann steigt an einer Tankstelle mitten in der kahlen Landschaft aus. Dort wird er erwartet von einem anderen Mann und in sein neues Leben gebracht: Wohnung und Arbeit in einer Stadt, alles ist für ihn eingerichtet. In der Firma, in der er als Buchhalter ein Büro bezieht, begrüßt ihn der Chef sehr freundlich, und bald schon folgen Einladungen zum Essen im Kollegenkreis. Auch eine adrette Freundin findet sich. Es gibt nur eine Irritation: Die netten Menschen haben keine Gefühle, die Speisen keinen Geschmack.
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| FILMKRITIK
Die skandinavische Schwermut, das schiere Verzweifeln an der Entfremdung, in „Anderland“ bekommt man eine geballte Ladung davon. Die alte Tankstelle in der braunen Wüste, an der Andreas aus dem Bus steigt, erinnert an ein Setting aus Lars von Triers Universum. Dieses winzige klapprige Bauwerk gehört mehr in einen Traum als zum montierten landschaftlichen Hintergrund. Und der Mann, der hinter dem Häuschen hervorkommt, um Andreas willkommen zu heißen, tritt wie hinter einer Theaterbühne hervor – aus dem Nichts.
Der norwegische Regisseur Jens Lien entführt in eine fantasievolle, traumähnliche Satire auf die glatte Oberflächlichkeit der Menschen in der Wohlstandsgesellschaft. Er scheut keine Übertreibungen und keine düsteren Untiefen, und sein Held Andreas ist meistens stumm, wie ein Schlafwandler. Einmal ist er an seinem schicken, patenten Arbeitsplatz so provoziert von der Anything-Goes-Stimmung, in der es kein Gegenüber gibt, dass er seinen Finger in die Papierschneidemaschine steckt. Er musste es, so viel wird klar, wollte er doch unbedingt testen, ob er was spürt.
Doch wegen der verständnislosen, betretenen Reaktionen der anderen entschuldigt er sich bald für sein Verhalten. Und der abgetrennte Finger? Der ist auf einmal wieder angewachsen, was Andreas’ Stimmung nicht unbedingt aufhellt. Die Menschen sind irgendwie zombiehaft, aber Andreas hat Blut, und er wird noch einiges davon verlieren, als würde der Regisseur beweisen müssen, dass er auch im Splattergenre bewandert ist.
Anne-Britt, Andreas’ elegante neue Lebenspartnerin, schwärmt für schöne Inneneinrichtungen. Sie lächelt wie aus einem Werbeprospekt, und die gemeinsame Wohnung ist absolut geschmackvoll. Nur, bei den Essenseinladungen wird wenig diskutiert, debattiert, alle bleiben äußerst höflich und steif. Der ausgehungerte Andreas sucht seine Rettung in der blonden Kollegin Ingeborg. Und ein einziger Mann, ein einziger nur, den er hinter der Toilettentür gar nicht zu Gesicht bekam, geht ihm mit seiner Klage nicht aus dem Sinn: Die heiße Schokolade schmecke nicht, der Alkohol habe keine Wirkung.
Andreas folgt dem Mann, der in einer Souterrainwohnung verschwindet. Von dort hört er geheimnisvolle Musik. Immer wieder zieht es Andreas dorthin, und eines Tages dringt er in die Wohnung ein, um hinter das Geheimnis zu kommen, was hier alles nicht stimmt. Immer wieder bekommt Andreas von den Mitmenschen zu hören, wie zufrieden und glücklich alle hier sind. Da schwingt auch eine Drohung mit, und tatsächlich hat der Mann aus dem Souterrain, der den Geschmack vermisst, Angst.
Der sterile Scheinfrieden der optimal befreiten Menschen, das gab es schon 1932 in Aldous Huxleys Roman „Brave New World“. Das surreale Drama „Anderland“ ist in seiner Aussage nicht gerade weitreichender, und vor allem ist es gar nicht angenehm zubereitet. Der einzige sympathische Mensch ist Andreas, doch leider spielt ihm die Geschichte sehr übel mit und lässt ihm wenig Handlungsspielraum. Ein Arthousefilm mit garantiert niedrigem Spaßfaktor.
| FAZIT
Düsterer norwegischer Trip mit einem Mann, der durch eine Umgebung voller netter, immer zufriedener Menschen torkelt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung