Georg Hoffmann ist seit über zwanzig Jahren Streifenpolizist und ebenso lange mit der hübschen Grundschullehrerin Anne verheiratet, mit der er zwei erwachsene Kinder hat. Einmal in der Woche trifft sich die Familie zum gemeinsamen Abendessen bei den Großeltern, für Georg und Anne eine Art ritueller Demütigung. Denn Großvater Hans-Josef macht kein Hehl daraus, dass er seinen Schwiegersohn für einen Versager hält. Auch von seiner Tochter hat er eine größere Karriere erwartet. Dennoch füllt er Woche für Woche einen Scheck für sie aus, um seinen Enkeln das Studium zu finanzieren.
Die sich andeutenden Risse im Eheglück werden von Georg und Anne sorgfältig kaschiert. Dann jedoch rettet Georg seinem jüngeren Kollegen Michael bei einem riskanten Einsatz das Leben, ohne dass er seiner Frau davon erzählt. Als diese durch Zufall dennoch von Georgs Heldentat erfährt, reagiert sie schwer gekränkt. Sein Schweigen wertet sie als Vertrauensbruch. Der Konflikt in ihrer Beziehung weitet sich aus bis er – offensichtlich nicht zum ersten Mal – in Gewalt eskaliert.
Dann soll Georg für seinen besonnenen und mutigen Einsatz auf einen Posten befördert werden, auf den ausgerechnet Michael seit langer Zeit hofft. Georg erzählt seiner Frau vom plötzlichen Karriereschritt, wodurch das labile Gleichgewicht zwischen ihnen immer stärker ins Wanken gerät. Zwar freut sich Anne über seinen Erfolg, andererseits jedoch steigt ihre Angst, selbst nicht anerkannt zu werden. Als Georg eines Abends seine Kollegen auf ein Feierabendbier mit nach Hause bringt, verrät sie vorschnell die noch inoffizielle Beförderung ihres Mannes. Michael lässt seine Enttäuschung an Georg aus, indem er ausgiebig mit Anne flirtet – mit unausweichlichen Konsequenzen.
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| FILMKRITIK
Manchmal braucht es keine Worte, um ein tiefgreifendes Problem zum Ausdruck zu bringen. In "Gegenüber" sind es zum Beispiel die kleinen Gesten und die unausgesprochenen Lücken inmitten hilflos geführter Dialoge in denen sich die Gefühle verbergen. Die wahre Tiefe dieses Alltagsdramas erschließt sich dem Zuschauer dabei erst nach und nach.
In "Gegenüber" wird ein Thema angesprochen das sowohl in der Filmgeschichte als auch im Medienalltag nur selten Widerhall findet. Gemeint ist die körperliche Gewalt einer Frau ihrem Ehemann gegenüber. Dabei lässt sich die Beziehung zwischen Anne und Georg keinesfalls in Täter und Opfer aufteilen, damit würde man es sich zu einfach machen. Das Verhältnis des Ehepaars ist vielschichtig und kompliziert. Beide sind mit ihren Gefühlen in Sackgassen geraten aus denen sie keine Ausbruchsmöglichkeiten mehr erkennen können.
Georg ist geprägt von seiner Hilflosigkeit aber auch seinem tiefen Wunsch nach Normalität. Zurückschlagen kann und will er nicht. Dass er sich nicht zur Wehr setzt – weder in Worten noch in Taten – hat jedoch nur Annes zunehmende Verachtung und Wut zur Folge. Das daraus resultierende immer stärkere Ungleichgewicht sorgt für zunehmende Spannung, wobei Anne zu immer tiefgreifenderen Provokationen und Verletzungen greift, um Georg zu einer Reaktion zu zwingen.
Annes innerer Aufruhr hat eine ganz eigene langjährige Geschichte, was sich in ihrem Verhältnis zu ihren Eltern widerspiegelt. Sie erntet betretenes Schweigen, wenn sie vergeblich versucht, Aufmerksamkeit zu erringen, überhaupt wahrgenommen zu werden bzw. ein "Gegenüber" zu haben. Und der Überdruck, der durch die ständigen Beschwichtigungen und Besänftigungen ihrer Familie entsteht, führt zwangsläufig früher oder später zur Explosion.
Dabei möchte sie niemandem Schaden zufügen. Auch sie sehnt sich nach Vertrautheit und einem funktionierenden Leben und ihre Angst, Georg zu verlieren, ist sehr real. Anne versucht verzweifelt, die Fäden zusammen zu halten, während ihre Welt längst im Begriff ist, auseinanderzufallen. Ihre innere Zerrissenheit wird dabei nicht nur für ihren Mann und ihre Kinder immer unerträglicher, auch der Zuschauer muss sich zwangsläufig darauf einlassen.
Dass er das kann, ist nicht zuletzt dem visuellen Charakter des Films zu verdanken. Die Bilder wirken weder künstlerisch überhöht noch dokumentarisch sachlich. Vermittelt wird über die Bildebene eher ein Charakter des Privaten. Die Kamera bewegt sich mit den Figuren durch den Raum und zeigt nur das, was die Figuren auch sehen. Dadurch wird der Zuschauer nicht abgelenkt, sondern muss den Konflikt gemeinsam mit den Figuren durchleben. Und nicht zuletzt dadurch wird "Gegenüber" zu einem Film an den man noch lange zurückdenkt.
| FAZIT
Ein intensives und tiefgreifendes Alltagsdrama, das den Zuschauer nicht so schnell wieder loslässt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung