Rumänien im Jahr 1987: Die Studentinnen Otilia und Gabita teilen sich ein Zimmer in einem Wohnheim. Gabita ist schwanger und will abtreiben. Doch weil Abtreibungen illegal sind, muss die geheime Aktion akribisch geplant werden: Otilia hilft beim Ausleihen des nötigen Geldes, bei der Suche eines Hotelzimmers, beim Kontaktieren von Herrn Bebe, der die Abtreibung vornehmen soll. Die beiden Freundinnen schlittern im Laufe eines Tages in einen Horrortrip.
WERBUNG
| FILMKRITIK
„4 Monate, 3 Wochen und zwei Tage“ gewann in Cannes die Goldene Palme und ist für den Europäischen Filmpreis nominiert. Regisseur Cristian Mungiu schafft es in dem erschütternden Drama, das Lebensgefühl während der Ceausescu-Diktatur in Rumänien ganz ohne Politik und Geheimpolizei auf die Leinwand zu bringen. Am Schluss des Films verlangt Otilia von ihrer Freundin, dass sie nie wieder über ihr Erlebnis reden. Mungiu geht den umgekehrten Weg: Im ersten Film einer geplanten Serie über den Alltag im Kommunismus zerrt er mit beispielloser Vehemenz Dinge ans Tageslicht, an die sich wohl viele Zeitgenossen erinnern können, über die aber der Mantel der Scham gehüllt war.
Zwei Jahre vor dem Sturz des rumänischen Diktators liegt das Land in fast völliger Dunkelheit – abends gibt es kaum Straßenbeleuchtung, um Strom zu sparen. Das Gas wird tagsüber abgedreht, die Mutter von Otilias Freund Adi muss ihren Geburtstagskuchen also früh backen. Ohne Bestechung mit westlichen Konsumartikeln läuft im Alltag nichts mehr: Otilia kann ein Hotelzimmer nur mit Hilfe einer Packung Zigaretten der Schlüsselmarke Kent mieten. Seit 1966 ist Abtreibung verboten, und das in einem Land, in dem es die Pille nicht gibt.
Der Regisseur konfrontiert zwei junge Frauen Anfang 20, Mädchen im Grunde noch, mit einer zerbrechenden Gesellschaft, die das Beste was sie haben, Unschuld und Vertrauen, nicht unterstützen kann. Die schwangere Gabita ist ein bisschen zu verträumt und zu naiv für diese Welt, so dass sich ihre blonde Freundin Otilia zur beschützenden Managerin entwickelt hat. Sie ist rhetorisch kompetent, sie feilscht, verhandelt, bleibt stets freundlich und kalkuliert ihre Worte mit großer Akribie. Und dennoch sind permanente Demütigungen unumgänglich. Weil Otilia etwas braucht, ist sie schon an der Hotelrezeption unterlegen. Die größte Kraft entfaltet Mungius Drama in den brutalen Dialogen, die einem einzigen Schema folgen: Wie kann der Gesprächspartner unter Druck gesetzt, ja gar mit Tatsachenverdrehung entmachtet werden?
Herr Bebe perfektioniert diese Art der Argumentation. Während er im Hotelzimmer die verbale Schlinge um Gabita und Otilia zuzieht, vergisst man fast, weiter zu atmen. Es ist aber keineswegs so, dass der Film den moralischen Zeigefinger hebt. Im Stil einer Dokumentation folgt die Kamera Otilia auch zur Geburtstagsfeier im Elternhaus ihres Freundes, wo belanglos geplaudert wird. Die bleierne Schwere, die die Zuschauer so schnell nicht wieder loslässt, erhält aber nur neues Gewicht durch diesen Zwiespalt zwischen behaupteter Behaglichkeit und dem versteckten Kampf der beiden Freundinnen, nicht unter die Räder zu kommen.
Die Stilmittel des Films haben sicherlich auch zur Preisverleihung in Cannes beigetragen. Um Authentizität bemüht, ließ Mungiu die meisten Szenen in einer einzigen Einstellung filmen. Das hat zur Folge, dass Dialoge oft mit Blick auf eine einzige Person verfolgt werden, während die andere aus dem Off spricht. Mungiu verwirklichte auch seinen Spleen, die Sprache fern von antrainierter Mikrofondeutlichkeit aufzunehmen. Und dann ist da noch die Farbe, die in ihrer Blässe die Bedrückung der Charaktere pointiert. In den Außenaufnahmen sind Schneereste zu sehen – Symbole von Kälte und Auszehrung.
Kontrovers bis über die Schmerzgrenze hinaus variiert die Handlung die Zerstörung von Leben, vom abgetriebenen Fötus bis zu den Blessuren auf den Seelen der jungen Frauen. Ihre gesellschaftliche Initiation kostet einen entwürdigend hohen Preis. Kein Film für schwache Nerven, doch ein Kunstwerk, das in seiner Schonungslosigkeit sozusagen Realität komprimiert.
| FAZIT
Kompromisslos authentisch: Eine illegale Abtreibung konfrontiert zwei junge Frauen mit dem Überlebenskampf im rumänischen Ceausescu-Regime.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung