Der 36jährige Oliver hat keine Familie. Und weil er Weihnachten gerne im Kreise einer solchen verbringen würde, klaut er sich einfach eine, bestehend aus einer Frau, drei Kindern, Oma, Opa und einem Hund. Und die Entführten merken nur allzu schnell, dass Oliver für alles vorgesorgt hat. Denn sie finden sich eingemauert im 18. Stockwerk eines verwaisten Hochhauses in Olivers heruntergekommener Wohnung wieder. An Flucht ist nicht zu denken.
Aber so schlimm scheint die Lage auf den ersten Blick auch nicht zu sein: Essensvorräte für mehrere Wochen lagern in diversen Kühlschränken und es ist außerdem dafür gesorgt, dass jeder ein eigenes Zimmer erhält. Trotzdem ist Olivers neue Familie weniger kooperativ als er sich das wünschen würde. Obwohl er sorgfältig die wichtigsten Regeln des gelungenen Zusammenlebens auf einer Liste verewigt hat, die für jeden sichtbar an der Wand hängt, hält sich niemand daran.
Ganz im Gegenteil. Weil die Wünsche, Ängste und Neurosen der "Verwandtschaft" ständig aufeinanderprallen, jagt eine Auseinandersetzung die nächste. Doch Oliver gibt so leicht nicht auf, wenn es darum geht, seine Vision einer glücklichen Familie in die Wirklichkeit zu übertragen. Und während Weihnachten näher rückt, stellt sich den Menschen in seiner Wohnung mehr und mehr die Frage, ob ihr Leben "da draußen" tatsächlich so viel erstrebenswerter ist, als das Leben bei Oliver.
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| FILMKRITIK
Im Verlauf des Films fällt einmal der Satz: "Allein kannst du vieles sein, aber nicht glücklich." Gerade in diesen Zeiten, in denen man dass Gefühl nicht los wird, dass es immer mehr Singles gibt, die fern von ihren Familien leben und an Karrieren arbeiten, die ihnen schon rein zeitlich keinen Platz mehr für Beziehungen lassen, fällt ein solcher Satz auf fruchtbaren Boden. Und Oliver, der Held des Films, startet ein Experiment, durch das er das Glück durch Mehrsamkeit erreichen will. Ein ebenso absurder wie sehnsuchtsvoller Plan.
Seine Familie kann man sich bekanntlich nicht aussuchen und fremd fühlt man sich in ihrem Umkreis auch bisweilen, besonders wenn man sich nach langer Zeit mal wieder zusammenfindet, um gemeinsam ein harmonisches Weihnachtsfest zu feiern. Daher ist die Stimmung in Olivers zusammengeklauter neuer Verwandtschaft auch gar nicht so abwegig. Unterschiedliche Lebensentwürfe und sorgfältig aufgebaute Lebenslügen prallen aufeinander, werden entlarvt und demontiert. Das sorgt – in diesem Fall – nicht nur für dramatische Eskalationen, sondern auch für eine Menge warmherziger Komik.
Man merkt, Regisseur Marc Meyer mag seine Figuren. Und als Zuschauer schließt man sie auch schnell ins Herz, mitsamt ihren Neurosen, Ängsten und Makeln. Denn eins ist sicher: Perfekt ist in dieser Familie niemand. Perfekt besetzt sind dagegen die Schauspieler. Samuel Finzi, Nina Kronjäger, Anna Maria Mühe, Harald Warmbrunn und Margot Nagel leisten jeder für sich hervorragende Arbeit ohne sich gegenseitig die Show zu stehlen. Ihre Dialoge, die von allem Überflüssigen befreit wurden, wirken trotz der kammerspielartigen Situation völlig natürlich.
Auch die Kameraführung ist sehr gelungen. Spiegelt sie auf der einen Seite die Gefühle der Protagonisten wider – etwa wenn sie bei der selbstzerstörerischen Betrunkenheit Sofias aus den Angeln kippt – darf sie bisweilen auch vollkommen losgelöst von den Figuren die überraschende Schönheit der Szenerie einfangen. Es ist in der Tat erstaunlich wie verwahrloste Räume in kunstvolle Hintergründe verwandelt werden und wie schön Berlin im Regen aussehen kann, wie mit einer Silberschicht überzogen.
"Wir sagen du! Schatz." basiert auf einer genial einfachen und absurden Grundidee, die sehr gut durchdacht und durchgespielt wird. Der Film ist zwar definitiv eine Komödie, allerdings eine, in der sich sehr viel reale Tragik verbirgt. Zu einfach macht es sich der Regisseur dabei nicht. Denn trotz des vorherrschenden humorvollen Tons, lässt er keinen Zweifel an der Tatsache, dass der Versuch, einer Utopie zum Leben zu verhelfen, immer auch vom Scheitern bedroht ist. Im Film vergleicht sich Oliver mit Sisyphos. Und wie sehr dieser Vergleich stimmt, kommt einem erst nachdem man den Kinosaal verlassen hat, gänzlich zu Bewusstsein.
| FAZIT
Ein Mann, eine geklaute Familie und ein chaotisches Weihnachtsfest. "Wir sagen du! Schatz." ist so lebendig und gelungen wie man sich einen Film nur wünschen kann.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung