Ein Vorfilm und ein Hauptfilm, beide von Wes Anderson, beide im Grunde auch zusammenhängend – soweit man bei Anderson von Zusammenhängen reden kann. Beide Filmtitel bezeichnen den Ort der Handlung: „Hotel Chevalier“ beschreibt die merkwürdige Begegnung zweier vielleicht sich Liebender in einem Pariser Hotel, die sich distanziert umkreisen – wobei jack Whitman (Jason Schwartzman) seiner Freundin (Natalie Portman) erst mal die Aussicht seines Hotelzimmers auf Paris zeigt, bevor sich beide erkennen (im biblischen Sinne): eine hässliche Hotelrückseitenfassade… Dann sehen wir, in „The Darjeeling Limited“, Jack und seine Brüder Francis (Owen Wilson) und Peter (Adrien Brody) im gleichnamigen Zug durch Indien fahren, auf einer spirituellen Reise, die Francis genau kalkuliert und geplant hat. Sehr viel mehr passiert nicht – die Brüder haben Geheimnisse voreinander, die der gemeinschaftlichen Selbstfindung im Wege stehen, und die Mutter, eine Nonne am Fuße des Himalaya, ist das Ziel der Reise, will sie aber eigentlich gar nicht sehen.
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| FILMKRITIK
Es ist dies ein Film, wie er nur von Wes Anderson kommen kann. Anderson – wie nur wenige andere Filmemacher – hat es mit seinen bisher fünf Langfilmen geschafft, eine ganz eigene Kategorie zu bilden, eine skurrile Komödienform, die genauso viel ihren Darstellern wie der minimalistischen Handlung wie der typischen Wes-Anderson-Ästhetik verdankt. Und all diese Elemente – das ist der eigentliche Anderson-Touch – stehen nebeneinander, unverbunden, als eigenständige Parts des Gesamtkunstwerks, nur zusammengeknüpft dadurch, dass sie alle in einem Namen, unter einem Film zusammengefügt wurden. Keineswegs zufällig freilich, sondern ausgewählt von Andersons wunderbarer Fantasie voll Sinn fürs Bizarre, ja Groteske.
Allein die vielfältigen satten Farben, die er hier in Indien gefunden hat und deren Buntheit er voll ausspielt. Turbane, Wände, Fahrzeuge und Kleidung in Gelb, Rot, Blau. Dazu die Darsteller, die merkwürdig voneinander separiert scheinen und doch zueinander passen, so dass sowohl Reibung entsteht als auch Herzenswärme. Und dann die Handlung, die sich nie von selbst ergibt, sondern von den darin spielenden Figuren erst geformt wird – so wie Francis die Spiritualität seiner Brüder genau festgelegt hat; so wie Jack, Autor von Kurzgeschichten, immer genau auf autobiografische Erinnerungen zurückgreift. Wes Anderson zeigt immer die Inszenierung einer Inszenierung durch seine Figuren, das, was wir auf der Leinwand sehen, ist gefiltert nicht nur durch Anderson, auch durch seine Protagonisten – und wird dann im Kopf des Zuschauers wiederum noch einmal neu zusammengesetzt.
Das alles hat gar nichts mit Mainstream zu tun, es ist ganz und gar eigenwillig. Und weil es aber doch universell ist – weil es mit universellen Mythen spielt, mit universellen Erfahrungen, mit universellem Geist fürs Absurde – ist es doch genügend erfolgreich und dabei offenbar auch keinen externen kommerziellen Zwängen unterworfen. So ist auch „The Darjeeling Limited“ ein genuines Anderson-Werk – inklusive der Tatsache, dass der Film Ende des zweiten Drittels ein paar Längen hat (das kann aber durchaus mit Absicht so konzipiert sein), inklusive auch der zerbrochenen Familie, dem andersonesken Thema überhaupt.
Doch anders als jede „normale“ Komödie zielt Anderson nicht direkt auf die Heilung der Wunden der alleingelassenen Familienmitglieder ab. Das Primärziel ist nicht Harmonie – die stellt sich erst auf Umwegen und mit untergründiger Ironie ein, und ist dann auch noch eine fragile Angelegenheit, stets vom ungebändigten Individualismus der andersonschen Figuren bedroht. Nein: es geht eher um den Wunsch nach Harmonie, um den unbedingten Willen, eine in Mythen und Medien vorgepredigte Formel zu erfüllen; und so drängt Francis zur spirituellen Reise genauso, wie er ganz selbstverständlich seinen Brüdern das Essen bestellt (was ihn als legitimen Erben der mütterlichen Verhaltensweise ausweist).
Er hat alles geplant für die meditative Selbstfindung, für die Reise ins eigene Ich. Inklusive einem Ritual mit Pfauenfedern, das komplett danebengeht, einer der lustigsten Szenen des Films, ein coitus interruptus mit vielen Zurufen, ekstatischen Bewegungen, großen Gesten und hehrem Ziel – das dann zusammenfällt wie ein Kartenhaus, weil schließlich nix dabei rauskommt. Die Brüder sind noch zu unreif, Vertrauen und Einigkeit sind noch weit, und Anderson hat dafür nicht nur den Blick, sondern auch den richtigen Inszenierungsstil gefunden, um alles zu potenziertem Witz – gerade durch die formale Reduktion – werden zu lassen.
Ein großes Assoziationsfeld schafft Anderson mit jedem neuen Film, das das Mediengedächtnis beschäftigt, das angefüllt ist mit Originalitäten wie mit Zitaten, das einlädt zum Wandern in der Anderson-mind map. Ist alles symbolisch gemeint, oder arbeitet Anderson beständig mit Pseudo-Metaphern? Was heben die so ebenmäßig ästhetischen Zeitlupenaufnahmen zu Sixties-Popmusik hervor? Oder sind sie nur falsche Fährten, absichtsvolle Manierismen, ein Spiel mit filmischen Mitteln? Sind die orangeroten, bizarr bemalten, nummerierten Koffer der Brüder als Erbe des verstorbenen Vaters die Last der Vergangenheit, die hinter sich gelassen werden muss, um im Darjeeling Limited voranzukommen? Und wenn ja: Warum sind sie dann ganz offensichtlich den ganzen Film über leicht und leer? Und sehe ich richtig, dass Adrian Brody das süffisanten John-Lennon-Lächeln perfekt drauf hat, und dass Jason Schwartzman durchaus als George-Harrison-Lookalike durchgehen könnte, oder sind diese Gedanken an andere berühmte Indienreisende nur vom Film beabsichtigter Spuk in meinem eigenen Hirn? Oder im Hirn der Protagonisten, die süchtig sind nach der in Indien so billigen Droge Hustensaft?
| FAZIT
Ein weiteres Meisterwerk von Wes Anderson, skurril, bizarr, außergewöhnlich und unglaublich witzig.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung