Christopher McCandless (Emile Hirsch) bricht nach dem ausgezeichneten Collegeabschluss alle Brücken hinter sich ab, macht sich auf die Reise durch die USA auf der Suche nach Wahrheit, Authentizität, Abenteuer. Ohne, dass Eltern und Schwester wüssten, wo er bleibt, trampt er ohne Geld über die Straßen mit Alaska als Ziel. Unterwegs heuert er auf einer Farm und findet in Wayne (Vince Vaughn) einen Freund, paddelt den Grand Canyon hinunter, lebt bei Obdachlosen in LA, wohnt in einer Hippie-Stadt (unter anderem mit Catherine Keener), trifft einen alten Witwer (Hal Holbrook), der ihn adoptieren will – und findet schließlich, am 18. August 1992, in der Wildnis von Alaska das Ende seines Lebens.
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| FILMKRITIK
„I'm gonna leave this city, got to get away
I'm gonna leave this city, got to get away
All this fussing and fighting, man, you know I sure can't stay”
Going up the Country, Canned Heat
Dass Sean Penn nicht nur ein großer Schauspieler, sondern auch ein großartiger Regisseur ist, hat er schon in mehreren Filmen bewiesen. „Into the Wild“ nun wird in Hollywoods Gerüchteküche schon für die großen Filmpreise gehandelt – zurecht. Mit größtmöglichem Gespür für Landschaft, für seine Figuren, für die innersten Charaktermerkmale erzählt Penn die Geschichte eines Aussteigers. Ohne aber Chris McCandless, der sich auf seiner Reise Alexander Supertramp nennt, völlig zu erklären, ohne seine Widersprüche zu verschweigen. Ohne seine Reise zu idealisieren oder, andersrum, zu verdammen.
Chris hat genug von der Zivilisation mit ihrem Luxus, von der Gesellschaft mit ihren Zwängen. Von seinen Eltern, die in Lüge leben, die sich streiten und schlagen und den Mut zur Scheidung, zur Wahrheit nicht besitzen. Er lässt alles hinter sich – alles Geld, die Familie, die vielversprechende Karriere – und geht auf die Landstraße, trampt durch Amerika, Ziel: Alaska. Jugendliches Ungestüm, Kompromisslosigkeit, Unreife, Starrköpfigkeit, Arroganz treiben ihn an, eine romantische Sehnsucht nach dem uramerikanischen Mythos der Wildnis – er ist on the road, und die Straße führt natürlich in den Westen. Sein Idealismus, sein moralischer Wertekodex, sein reines Herz: Das stärkt ihn auf der Reise, macht ihn im Innersten aus. Er lehnt sich auf gegen den Materialismus und sucht das Abenteuer, die wirkliche Essenz des Lebens.
Freiheit ist ein weiteres Schlüsselwort, unbedingte Freiheit des wahren Ich, Freiheit von allen zivilisatorischem Ballast – der Hippietraum der 60er hat auch in den 90ern Relevanz, hat nichts von seiner Faszination verloren – und Chris/Alex lebt diesen Traum, der unweigerlich zu seinem Tod führt. Er zieht seine Ideen aus Büchern – von Tolstoi bis Jack London –, sucht das Wahre, Authentische, das aber doch in Alaska, in der Wildnis, zu körperlichem Verfall, zu einem langsamen Schwinden führt. Denn das Ziel ist der Stillstand, erzwungenermaßen in ein altes Buswrack ist Alex verbannt ohne Rückkehrmöglichkeit, weil der Fluss zu sehr angeschwollen ist.
Die Reise ist das, was Alex groß macht, er ist Inspiration für die Menschen, denen er begegnet, und auch er wird verändert, wechselseitig. Die Farm, das Hippiedorf, der einsame Witwer mit seiner Ledergravurwerkstatt: Alle Stationen der Reise zeigen verschiedene Möglichkeiten des Lebens, eines guten, wahren Lebens, und Alex wählt die Reise selbst als seinen Lebensweg.
Penn vermeidet dabei jede Pauschalisierung; und wenn jemand einwände, die zweieinhalb Stunden des Films seien zu lang, dann hat er die Feinheiten, die Subtilitäten verpasst, mit denen jede Reisestation/Filmsequenz einen neuen Aspekt aufzeigen, zur Komplexität von Chris/Alex und dem Film hinzufügen.
Am Ende stirbt Alex sehr profan an Hunger aufgrund einer Pflanzenvergiftung – doch er hat alles erreicht, was er erreichen wollte, das Glück und das Elend, Gemeinschaft und Einsamkeit, Schönheit und Liebe und Entsagung und Angst: das ganze Spektrum des Lebens. Er ist sich selbst begegnet und hat seinen eigenen Namen wiedergefunden. Das Ende ist Transzendenz.
„So I’m packing my bags for the Misty Mountains,
Where the spirits go,
Over the Hills, where the Spirits fly.”
Misty Mountain Hop, Led Zeppelin
| FAZIT
Ein Aussteiger on the road: Ein großer Film von Sean Penn, der seine Figuren wie den Hauptdarsteller ins Extreme führt auf der Suche nach Wahrheit und Authentizität.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung