Es sind zwei Seiten derselben Geschichte: Da ist zum einen Frank Lucas (Denzel Washington), ein Gangster aus Harlem, New York, der in den 1970er Jahren ein Vermögen mit dem Schmuggel und Verkauf von Heroin macht. Es ist die Zeit des Vietnamkriegs. Über seinen Cousin, der in Bangkok eine Bar betreibt und Kontakte zum US-Militär hat, gelangt Frank ohne Zwischenhändler an große Mengen reinsten Stoffs. Mit seinem Produkt, das er „Blue Magic“ nennt, übernimmt er in wenigen Jahren den Drogenhandel in der gesamten Stadt. Er überschwemmt den Markt mit hochwertigem Heroin zum Schnäppchenpreis und verdient Millionen damit. Noch 1968 war er der Chauffeur und Bodyguard von Bumpy Johnson (Clarence Williams), des Paten von Harlem, Mitte der 70er ist er selbst einer der reichsten und mächtigsten Männer der Stadt – der amerikanische Traum.
Auf der anderen Seite steht Richie Roberts (Russell Crowe), ein New Yorker Cop. Während Korruption bei seinen Kollegen an der Tagesordnung ist und zahlreiche Polizisten auf den Gehaltslisten der Mafia stehen, ist Roberts durch und durch integer. Weil er eine Million Dollar beschlagnahmt und zum Entsetzen seines Partners ordnungsgemäß bei den Vorgesetzten abliefert, wird er zum Leiter einer Spezialeinheit befördert. Fortan ermittelt er mit einem handverlesenen Team gegen die Drogenhändler der Stadt. Dass die schlimmsten Verbrecher mitunter in den eigenen Reihen zu suchen sind, wird ihm klar, als er mit dem schmierigen Detective Trupo (Josh Brolin) zu tun bekommt, der sich fürstlich von den Leuten bezahlen lässt, die er eigentlich dingfest machen sollte.
Zunächst hat Roberts den ehemaligen Bodyguard von Bumpy Johnson nicht auf der Rechnung. Frank Lucas hat keine Kontakte zur Mafia, die den Drogenhandel bisher kontrollierte. Die Spezialeinheit ermittelt gegen die üblichen Verdächtigen, weil die Polizisten es nicht für möglich halten, dass ein einzelner Mann aus Harlem mit „Blue Magic“ aus dem Nichts ein gigantisches Drogenimperium aufgebaut hat. Doch dann macht Lucas einen entscheidenden Fehler…
WERBUNG
| FILMKRITIK
Ridley Scott versteht es meisterhaft, kohärente, in sich geschlossene filmische Universen auf die Leinwand zu bringen: die neonkalte, bedrohliche Science Fiction-Welt in „Blade Runner“, ein erstaunlich authentisches Altes Rom in „Gladiator“, und jetzt das New York der 1970er Jahre. Sein neuer Film „American Gangster“ basiert auf einer wahren Begebenheit und ist zuallererst ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte. Die Ära des Vietnamkriegs wird hier lebendig, allerdings nimmt Ridley Scott eine ungewöhnliche Perspektive dazu ein. Die Ereignisse in Südostasien finden gewissermaßen im Hintergrund statt, sie interessieren den Regisseur nur insofern, dass sie erheblichen Einfluss auf den amerikanischen Alltag hatten. Dabei konzentriert er sich auf einen einzigen Punkt, auf die Tatsache nämlich, dass mit dem verlorenen Krieg, mit den tausenden seelisch wie körperlich verwundeten Soldaten, die aus dem Dschungel zurückkehrten, auch eine neue Droge ins Land kam: Heroin. Diesen Umstand derart in den Mittelpunkt zu rücken, mag nicht gerade historisch korrekt sein, aber schließlich haben wir es mit einem Spielfilm zu tun, nicht mit einer Dokumentation.
Glaubwürdig ist dieser Spielfilm allemal. Das Hollywood-Kino zeichnet sich von jeher durch seine große Suggestionskraft aus, und so suggeriert auch „American Gangster“, ein realistisches Bild der Ostküstenmetropole in den 70ern zu zeichnen. Das betrifft selbstverständlich Kostüme und Requisiten, aber auch politisch und gesellschaftlich relevante Ereignisse der Zeit greift „American Gangster“ auf: Da läuft etwa die bekannte Nixon-Rede auf einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher, in welcher der wohl unpopulärste Präsident der USA den Waffenstillstand in Vietnam verkünden musste, und eine für den Plot zentrale Sequenz spielt im Madison Square Garden während des legendären Boxkampfes zwischen Muhammed Ali und Joe Frazier. Erstaunlich ist, wie authentisch die Stadtansichten wirken, denn im Gegensatz zu „Gladiator“, für den das historische Rom zu großen Teilen am PC programmiert wurde, hat Ridley Scott seinen neuen Film vor Ort in New York gedreht. Eine gute Entscheidung, denn die Metropole am Hudson River bietet ganz vorzügliche Kulissen, beeindrucken Bilder aus Backstein und Stahl.
„American Gangster“ ist kein lauter Film, und auch kein schneller. Ridley Scott lässt sich viel Zeit, seine beiden Protagonisten vorzustellen und sie ausführlich zu charakterisieren. Er erzählt ihre Geschichten in der angemessenen Langsamkeit, wobei der Film nie langatmig oder gar langweilig wird – obwohl „American Gangster“ stolze zweieinhalb Stunden dauert. Der Film lebt von seiner sorgfältigen Erzählweise, vom Gegenüber, Gegeneinander und Miteinander der beiden Hauptfiguren. Diese haben viel gemeinsam, obwohl sie auf entgegengesetzten Seiten des Gesetzes stehen. Beide folgen einem strikten persönlichen Ehrenkodex, für den der eine sich mit seinen Kollegen verwirft und private Probleme in Kauf nimmt, der andere über Leichen geht. Ehrlichkeit, Anstand und Fleiß, erklärt Frank Lucas einmal seinen Brüdern, seien die wichtigsten Tugenden in seinem Geschäft – ehe er auf offener Straße einen Konkurrenten erschießt, der diese Moralvorstellungen nicht teilt.
Ein Film über Gangster in New York, das ist eigentlich klassischer Scorsese-Stoff. Ridley Scott verlagert das organisierte Verbrechen vom italoamerikanischen Milieu nach Harlem. Das ist neu, interessant und in Anbetracht der gediegenen Erzählung, der bildgewaltigen Inszenierung sowie von Darstellern wie Denzel Washington und Russell Crowe hochgradig oskarverdächtig.
| FAZIT
Virtuos erzähltes, episches Gangsterdrama nach einer wahren Begebenheit – hier wird eine außergewöhnliche Facette der amerikanischen Geschichte lebendig.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung