England, 1935, ein heißer Sommer. Die dreizehnjährige Briony schwärmt unsterblich für Robbie, den Sohn des Hausverwalters – der aber ist mit Brionys Schwester Cecilia liiert. Als eine Freundin von Briony nachts im weitläufigen Park des Anwesens vergewaltigt wird, schwärzt sie fälschlich Robbie an.
Jahre später, Zweiter Weltkrieg. Robbie wurde unter der Auflage, fürs Vaterland zu kämpfen, aus der Haft entlassen. Nach einem letzten Wiedersehen mit Cecilia wird er nach Frankreich verschifft, erlebt dort die Kriegsschrecken der Beinahe-Katastrophe für die britische Armee in Dünkirchen, während Cecilia als Krankenschwester in London arbeitet. Ein Wiedersehen ist in weite Ferne gerückt, und allmählich dämmert der erwachsen gewordenen Briony, welch furchtbare Konsequenzen ihre kleine leichtsinnige Lüge von einst hatte.
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| FILMKRITIK
Seinen zweiten Kinospielfilm nach „Stolz und Vorurteil“ setzt Joe Wright ganz emotional in Szene, zeigt Liebe und Tod, Unreife und Verrat, Frieden, Krieg, Rache, Lüge, Scham, Schuld, Sühne, vergebliches Leben und ein Leben ohne Vergebung – ein kleiner falscher Schritt war es nur, der eine große Liebe verunmöglichte, der zwei Leben zerstörte, aus präpubertärer Schwärmerei heraus, aus unreifer Rachsucht. Die individuelle Liebe zweier Personen vergrößert Wright wie unter einer Lupe, stilisiert sie ins Hyperreale, ins Metaphysische gar – so und nicht anders muss es sein in einem Melodram, und dass dieses Konzept funktioniert, davon zeugen nicht zuletzt die beiden Golden Globes, die der Film gewann.
In seinem ersten Teil, auf dem sommerlichen Landsitz einer englischen Adelsfamilie, spielt Wright mit den Erzählperspektiven. Immer wieder werden Szenen in verschiedenen Sichtweisen verschiedener Figuren gezeigt, die aus ihrer Perspektive heraus das Geschehen ganz anders – und oft genug falsch – interpretieren. Ein reizvolles Wechselspiel mit der Wirklichkeit, das die aufkeimende Tragik umso stärker, umso trauriger macht.
Im zweiten Teil gibt Wright diese Strategie auf, was der Stileinheitlichkeit des Films nicht gerade zuträglich ist – freilich schlägt er hier auch eine andere Saite an, der paneuropäische Krieg korrespondiert mit einer Liebe, für die es kaum noch Hoffnung zu geben scheint. In einer großangelegten, fantastisch choreographierten Szene – allein dafür lohnt sich der Film – zeigt Wright in einer einzigen Kameraeinstellung die Angst, die Hoffnung, die Verzweiflung der vielen Tausend Soldaten am Strand von Dünkirchen, in einem weite Strecken zurücklegenden Rundgang zeigt er Verwundete, Resignierte, sehnsuchtsvoll Singende und sich zum Vergessen die Hucke Volltrinkende, eine Riesen-Menschenmasse geschlagener Gestalten, in der jeder allein ist. Eine Hoffnungslosigkeit, der er später Bilder von der Rettung durch die britische Marine entgegensetzt, nicht direkt, sondern medial gebrochen über eine Wochenschau, die sich Cecilia ansieht – ist vielleicht, vielleicht ihr Robbie unter den Soldaten, die über den Kanal setzen?
Eine hohe tragische Fallhöhe baut der Film auf, der die Geschichte von Cecilia und Robbie immer wieder auch aus der Sicht von Briony erzählt, die der Unreife entwachsen ihre eigene Untat nun selbst beurteilen, tief bedauern – aber nicht ungeschehen machen kann. Doch dann – dann aber wird diese melodramatische Emotionalität immer wieder unterschwellig vom Film selbst durchkreuzt, der zu Anfang so gerne mit perspektivischen Erzählweisen, mit unzuverlässigem Erzählen gespielt hat. Da fragt man sich dann eben auch, wie groß die Liebe zwischen Robbie und Cecilie wirklich ist, die sich als Jugendliche ineinander verliebt und dann jahrelang kaum mehr gesehen haben. Ist alles, die ganze Liebesgeschichte, nur die Projektion der Schuldgefühle von Briony? Und am Ende – da erhält der Film ohnehin einen neuen Impuls, der eine eigene Nuance enthält. So wird, wo das klassische Melodram primär auf den Bauch, auf das Gefühl, zielt, hier auch der Verstand angesprochen – nicht unbedingt zum Vorteil für das Mitempfinden mit den Figuren und ihrer Geschichte; aber immerhin komplex und vielschichtig und von nachhaltiger Wirkung.
| FAZIT
Ein Melodram, in dem Joe Wright den Bestseller von Ian McEwan emotional erzählt, filmisch virtuos und mit viel Gespür für seine Charaktere. Leider mangelt es an einem durchgehenden Stilwillen, und die Vielschichtigkeit des Films konterkariert die Wirkung aufs Gefühl.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung