Jean-Dominique Bauby war Chefredakteur von „Elle“ und erlitt im Alter von 43 Jahren einen verheerenden Schlaganfall. Nach Wochen im Koma wachte er in einem französischen Krankenhaus an der Küste auf. Die Ärzte sagten ihm, er habe das so genannte Locked-In-Syndrom. Er war bei vollem Bewusstsein gelähmt von Kopf bis Fuß und konnte lediglich ein Augenlid bewegen. Mit der Hilfe von Therapeutinnen lernte der hilflose Mann jedoch, sich zu verständigen: Man sagte ihm das Alphabet vor und er signalisierte beim entsprechenden Buchstaben mit einem Lidschlag Ja.
Bauby entdeckte trotz allen Leidens die Kraft seiner Erinnerungen und seiner Fantasie und veröffentlichte ein viel beachtetes Buch über seine Erfahrungen. Der Spielfilm basiert auf diesem Werk und schildert die Erlebnisse des gelähmten Autors aus der Ich-Perspektive. Bauby starb wenige Tage nach der Veröffentlichung seiner Autobiografie „Schmetterling und Taucherglocke“ im Jahr 1997.
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| FILMKRITIK
Ein Spielfilm über einen Menschen, der zu Stummheit und Bewegungslosigkeit verdammt ist und nur ein Augenlid bewegen kann, verspricht alles andere als ein Kinospaß zu werden. Man befürchtet vielmehr, mit den schlimmsten eigenen Ängsten konfrontiert zu werden. Zwar beschönigt der viel beachtete Spielfilm „Schmetterling und Taucherglocke“ nichts von dem wahren Schicksal des gelähmten Jean-Dominique Bauby. Und dennoch ist das Ergebnis ein luftig-leichtes, von Lebensfreude durchdrungenes, sinnliches Filmereignis.
Der amerikanische Künstler und Regisseur Julian Schnabel hat am Originalschauplatz des Krankenhauses von Berck in französischer Sprache gedreht. Der Film beginnt in der Ich-Perspektive mit einem inneren Monolog des liegenden Patienten. Vollkommen authentisch wirken die Szenen der erlebten Hilflosigkeit, etwa, dass sich die Menschen direkt vor sein Gesicht beugen und ihn ansprechen, ohne dass er das Gespräch steuern kann, ohne dass er verhindern kann, Unangenehmes zu hören oder dass ihm der Fernseher während eines Fußballspiels abgeschaltet wird.
Dann aber, und das ist eines der Phänomene dieses wunderbaren Spielfilms, schließt Bauby Freundschaften. Da ist die Logopädin Henriette, die mit ihm eine eigene Art zu sprechen entwickelt: Sie sagt ihm permanent Buchstaben vor, und er blinzelt, wenn der richtige Buchstabe drankommt. Was mühselig klingt, ist es auch im Film, und doch: Bauby nutzt seine Chance, und zwar so gründlich, dass er eine Lektorin ans Bett bekommt, die seine Texte für ein Buch aufschreibt. Und da ist die Physiotherapeutin Marie, die mit ihm übt, die Zunge zu bewegen, und ihn außerdem mit ihrem Humor und ihrer Wärme erfrischt.
Auch die Familie versammelt sich um Bauby, seine Frau Céline, die trotz gescheiterter Beziehung zu ihm hält, seine Kinder, ein paar Freunde. Und dann kommen zu den Szenen im Krankenhaus Rückblicke aus seinem früheren Leben, Fantasien, Träume. Der amerikanische Regisseur Julian Schnabel und der Kameramann vieler Spielberg-Filme, Janusz Kaminski, haben eine ganz außergewöhnliche Darstellungsform für diesen Ausnahmezustand eines Menschen gefunden. Die Bilder aus der Perspektive von Bauby sind zum Teil scharf, zum Teil verwischt: Er hat nur einen sehr kleinen Radius, in dem er die Außenwelt sieht. Die Gesichter, die quasi in dieses Blickfeld eindringen, sind meistens schief geneigt.
Oft sieht sich Bauby in seiner Fantasie in einer Taucherglocke unter Wasser gefangen, oder er sitzt im Rollstuhl allein auf einem Ponton im Meer. Er entdeckt die Schönheit der Natur an der Küste neu, und die Sinnlichkeit der Frauen in ihren leichten Sommerkleidern. Rauschhafte Bilder von Bäumen, wehenden Haaren, einstürzenden Gletschern und ein reicher Soundtrack begleiten Baubys neues Innenleben, seine Freude an einer ausdrucksstarken, poetischen Sprache. Herrlich, wie der Film das tränenreiche Mitleid ausspart und sich wie sein Protagonist für einen wohldosierten, sympathischen Humor entscheidet.
| FAZIT
Die Erfahrungen eines vollständig gelähmten Menschen geraten zu einer luftig-leichten Hymne an die Fantasie und die Menschlichkeit.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung