Rainer Wenger ist Lehrer an einem deutschen Gymnasium. Er soll in einer Projektwoche das Thema Autokratie durchnehmen. Die Klasse bezweifelt, dass eine Diktatur wie in Nazideutschland heute noch möglich wäre. Der Lehrer beginnt spontan ein Experiment. Die Schüler müssen ihn fortan mit Herr Wenger ansprechen, bei jeder Wortmeldung aufstehen, gerade sitzen. Die Klasse macht mit und nimmt die Regeln der nächsten Tage mit wachsender Begeisterung auf: eine Uniform, ein Logo, ein gemeinsamer Gruß. Die Bewegung nennt sich jetzt „Die Welle“.
Rainer Wenger ist an jedem Tag der Woche aufs Neue überrascht, wie kritiklos und euphorisch die Schüler für die Bewegung sind. Sein Kurs bekommt Zuwachs, die Teilnehmer sind engagiert. Der Außenseiter Tim ernennt sich zu Wengers Leibwächter. Die bislang beliebte Individualistin Karo wird jetzt ausgegrenzt, denn sie trägt das weiße Hemd der Bewegung nicht. Gegen Ende der Woche häufen sich gewalttätige Vorfälle: Karo und Wengers Ehefrau drängen den Lehrer, das Experiment abzubrechen.
WERBUNG
| FILMKRITIK
„Die Welle“ von Regisseur Dennis Gansel verfilmt zum ersten Mal für das Kino ein schulisches Experiment, das der Geschichtslehrer Ron Jones 1967 an einer kalifornischen Highschool durchführte. Das binnen fünf Tagen aus dem Ruder gelaufene Projekt über faschistisches Denken wurde auch zum Thema des Jugendromans „Die Welle“ von Morton Rhue und eines gleichnamigen TV-Films im Jahr 1981. Gansel verlegt die Handlung an ein deutsches Gymnasium in der Gegenwart. Das Spielfilm-Ergebnis ist allerdings weniger beklemmend, als zweifellos beabsichtigt, sondern mittelmäßig inszeniert und pädagogisch überfrachtet.
Dennis Gansel schien nach der Regie seines viel gelobten Dramas „Napola – Elite für den Führer“ von 2004 prädestiniert für weitere Jugendfilme zum Thema. In „Napola“ gelang die filmische Demaskierung der verlogenen Nazi-Ideologie auf emotional bewegende, eindringliche Art. „Die Welle“ verfehlt jedoch ihr Ziel, vor der latenten faschistischen Ader in jedem Zeitgenossen zu warnen und die Bereitschaft zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie zu stärken. Zum einen klebt das Drehbuch sehr stark an dem zu Fehlinterpretationen einladenden Schulexperiment von 1967. Zum anderen ist die filmische Umsetzung so dröge und sprechblasenhaft wie ein Film über die Jugend etwa aus den siebziger Jahren: Der Zielgruppe werden Ansichten in den Mund gelegt, weil man sie schlecht kennt.
Rainer Wenger, gespielt von Jürgen Vogel, ist ein ungewöhnlicher Lehrer. Er gibt sich jugendlich, spöttisch, legt keinen Wert auf den Respekt anderer Lehrer. Eigentlich wollte er, als ehemaliger Hausbesetzer, die Projektwoche zum Thema Anarchie leiten. Doch die war schon vergeben. Und zack: Es dauert nur ein-zwei Tage, bis die Teilnehmer aus „Anarchie“ darum betteln, in „Autokratie“ aufgenommen zu werden. Dort werden neuerdings weiße Hemden getragen, die Schüler haben dieses Leuchten in den Augen, und eine typische Handbewegung gibt es auch.
Der Film ist in einzelne Tage aufgeteilt, um die ins Unheimliche wachsende Dynamik in Wengers Klasse zu unterstreichen. Am Montag steht Disziplin auf dem Programm. Am Mittwoch ist die ganze Stadt vollgesprüht mit Wellen-Graffitis, dem Logo der Gruppe. Kurz darauf werden Schüler am Betreten der Schule gehindert, wenn sie den Gruß nicht machen.
Jones hatte durchaus Verständnis für die Sehnsucht der Schüler nach mehr Gemeinschaft, warnte aber davor, sie manipulativ auszunutzen.
Der Spielfilm fahndet nicht sehr interessiert nach den Stellen, an denen das Gemeinschaftsgefühl faschistoid wird. Sondern er malt die Gefahr fast panisch an die Wand. Hinzu kommen ein paar unnötige Fußangeln: Die Träger der weißen Hemden verlieren schnell die Beherrschung, Dennis brüllt die Theatergruppe an, Marco schlägt Karo, der Lehrer beleidigt seine Frau, die ihn verlässt. Das soll wohl heißen, der Tyrann in jedem Menschen hat einen sehr leichten Schlaf. Und die beiden Hauptgegnerinnen der Welle, die Schülerin Karo und die Ehefrau Wengers, sind relativ gefühlsarme Bedenkenträger.
| FAZIT
Ein Faschismus-Experiment in einer Schulklasse verselbständigt sich: Mittelmäßiges Drama von Dennis Gansel nach einem wahren Fall.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung