Drama
| Deutschland / Frankreich / Kasachstan 2007
| INHALTSANGABE
Charles, Franzose, zieht zu Fuß durch Kasachstan. Er will ins Gebirge, zu dem Ort, an dem sich schon die alten Schamanen zum Sterben hinbegaben: seine tiefe innere Traurigkeit treibt ihn an auf diesem letzten Weg seines Lebens. Er begegnet Shakuni, einem Vagabunden auf Motorrad, und der jungen Französischlehrerin Ulzhan. Beide schließen sich ihm an: Shakuni, weil sich etwas wie Freundschaft entwickelt, Ulzhan, weil sie den Tod in Charles’ Gesicht gesehen hat.
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| FILMKRITIK
Wie ein Elefant, der sich zum Sterben an einen mythischen Ort zurückzieht, so wandert Charles, der Franzose, durch Kasachstan, ins Gebirge, zum Khan-Tengri, dem Berg, zu dem sich die Schamanen zurückgezogen haben, um den Tod zu erwarten. Eine tiefe Traurigkeit durchzieht sein Gesicht, eine Lebensverzweiflung, die ihn in einer versoffenen Nacht all sein Geld und seine Papiere wegschenken lässt, als wolle er den weltlichen Ballast loswerden, um rein und leicht zu sein für seine letzte Reise.
Schlöndorff folgt diesem Charles in Reiseepisoden, die sich erst allmähliche zu einer Geschichte verdichten – Verdacht der Industriespionage in einem Erdölfeld, eine Modenschau in der künstlich hochgezogenen, übermodernen Hauptstadt mitten in der Wüste. Dann erst trifft er seine künftigen Begleiter, einen Vagabunden mit teilweise deutschen Wurzeln, der viel redet, Weisheiten von sich gibt, ein nomadischer Einsiedler, ein Worthändler, der den kasachischen Steppenbewohnern Worte verkauft, die in bestimmten Sprachen einmalig sind, für die es in anderen Idiomen keine Entsprechung gibt. Und Ulzhan, die junge Französischlehrerin, die sich ihm anschließt, weil er den Tod im Gesicht trägt.
Es ist dies offenbar ein Alterswerk von Schlöndorff, das sich mit dem Tod beschäftigt über die Reisemetapher, das eine mythische Passage zum letzten Ort beschreibt – das die Liebe einer jungen Frau die Veränderung herantragen lässt, die Möglichkeit von Leben, die Möglichkeit von der Abkehr vom Lebensverdruss: ein etwas altväterliches Motiv, das an manche Phantasie von Herren im besten Alter erinnert…
Mit Jean-Claude Carriere hat sich Schlöndorff wieder zusammengetan, dem alten Drehbuchmitarbeiter, und obwohl der Film – ungewöhnlich für Schlöndorff – keine literarische Grundlage hat, ist er eher literarisch geraten. Er erzählt weniger durch Bilder (die zwar schön gewählt sind, aber eher uninspiriert wirken) als durch Worte: das Motiv des Worthändlers spricht hier Bände. Durch den ganzen Film ist das darunter liegende ausgedachte, durchkonstruierte, aufgeschriebene, auf mythisch-metaphorische Allegorie getrimmte Konzept zu spüren. Und letztendlich wird, wiederum durch Worte, das offene Geheimnis um den Grund von Charles’ Trauer offen ausgesprochen, ein Fauxpas, der dem Film den letzten Zauber raubt.
Denn was zu Anfang eine durchaus weitgreifende, tiefsinnige Geschichte hätte werden können, verkommt alsbald zur bloßen Abbildung von Drehbuchseiten. Schlöndorff war nie ein großer Bildererfinder, hier aber scheint er sich gänzlich auf die Inspiration anderer verlassen zu haben. Selbst die Kamerablicke, die etwas hergeben könnten – die Hauptstadt, die in fünf Jahren hochgezogen wurde, ein ehemaliges sowjetisches Gefangenlager, in dem nun Massen von Töpfen und Löffeln gelagert sind, ein ehemaliges Atombombentestgebiet: All dies wird ohne eigene Magie, scheinbar ohne eigene Anteilnahme abgefilmt. Und letztendlich ist so der ganze Film nur ein Abhaken von Momenten; gegen Ende gar die Sterbeszene vom Vater des Vagabunden, ein weiterer dieser mythischen Momente, die hier verschenkt werden.
| FAZIT
Ein Alterswerk von Volker Schlöndorff: Ein Mann auf seiner letzten Reise durch Kasachstan, das eher literarisch-konstruiert wirkt und sich leider nicht auf die Möglichkeiten seiner Bilder verlässt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung