Barbara Daly ist eine Amerikanerin aus einfachen Verhältnissen, die in den 40er Jahren eine Hollywood-Karriere anstrebt. Doch dann heiratet sie den reichen Erben der Bakelit-Dynastie, Brooks Baekeland. Das ungleiche Paar bekommt einen Sohn, Antony. Die charismatische Barbara sehnt sich nach gesellschaftlicher Anerkennung, der kühle Brooks hingegen kann ihren Parties wenig abgewinnen. Von 1946 bis 1972 lebt die Familie zunächst in New York, dann an verschiedenen Orten in Europa.
Der kleine Tony steht seiner Mutter sehr nahe. Als junger Mann probiert er homosexuelle Beziehungen aus. Er lernt auch die Spanierin Blanca kennen, die sich aber schon bald mehr zu seinem Vater hingezogen fühlt. Brooks verlässt wegen ihr seine Frau. Barbara wird zunehmend depressiv und tröstet sich mit jüngeren Begleitern. Tony stellt sein Leben ganz in den Dienst seiner Mutter, mit der er auch sexuellen Kontakt hat. Der verstörte junge Mann wird immer verzweifelter. Während eines Streits tötet er seine Mutter.
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| FILMKRITIK
„Savage Grace“ ist ein an antike Tragödien erinnerndes Familiendrama, das dank seiner hervorragenden Darsteller und Regie einen tiefen Eindruck hinterlässt. Basierend auf dem Tatsachenroman von Natalie Robins und Steven M. L. Aronson, versucht der Film die wahre Geschichte der Baekelands zu rekonstruieren und zu ergründen, wie es zur finalen Tragödie kam. Es geht um eine inzestuöse Mutter-Sohn-Beziehung, eine gescheiterte Ehe, um Homosexualität, Heimatlosigkeit und den Verfall einer Familie über mehrere Generationen hinweg.
Das Drehbuch von Howard A. Rodman besticht durch den Einfall, statt der vielen Zeugenaussagen des Buchs den Sohn Tony in der Ich-Form erzählen zu lassen. Tonys Worte aus dem Off kommentieren das desolate, immer wieder rätselhafte Verhalten seiner Eltern mit liebevollem Verständnis. Er schreibt ein Tagebuch, das er an seinen Vater adressiert. Durch Tony wird man schon zu Beginn der Jahrzehnte umspannenden Handlung hingewiesen, dass alles spätere aus Liebe geschah.
Tony erklärt weiter, er sei der Dampf gewesen an der Berührungsfläche zwischen Heiß und Kalt. Die Hitze lieferte Barbara, eine einnehmende, attraktive Frau. Ihr grenzenloses Bedürfnis nach Bewunderung duldete keine Widerworte. Mit ihrem impulsiven Hang zum Abgründigen konnte Barbara ihren Mann aus heiterem Himmel demütigen. Tony war ausschließlich ihr Kind, die Beziehung von Anfang an sexualisiert.
Regisseur Tom Kalin entfaltet unerbittlich, Schritt für Schritt, in sehr offenen, mehrdeutigen, nie zu Ende erklärten Szenen das Porträt zweier in ihrer Selbstliebe gefangener Eheleute. Sie langweilen sich in schönen Häusern am Meer in Spanien, der heranwachsende Tony konsumiert in den sechziger Jahren Haschisch. Nach der Trennung von Barbara verweigert Brooks auch seinem Sohn jeden Kontakt.
In der Odyssee von Barbara und Tony durch Spanien, Paris und schließlich London gibt es ein paar besonders eindringliche, ja schockierende Szenen. In einer legt sich der junge Mann ins Bett neben seine Mutter und deren Begleiter, mit dem er auch Sex hat. Julianne Moore spielt die rothaarige Barbara mit dem charmanten Lächeln, das nahtlos in Bedrohung übergehen kann. Sie hat die schauspielerische Größe, ihre Figur nicht zu verteufeln, sondern sie bei aller Destruktivität als Mensch mit einem unveräußerlichen Kern darzustellen.
Eddie Redmayne als Tony aber entwickelt noch mehr Charisma. Wie die Handlung von der Off-Erzählung Tonys emotional zusammengehalten wird, so saugt der vieldeutige Gesichtsausdruck des rothaarigen jungen Mannes sämtliche atmosphärischen Schwebeteilchen aus der Umgebung auf. Redmayne kann gleichzeitig mitfühlend und verzweifelt aussehen. In einer Szene, in der er am Strand mit einem jungen Mann kifft und von diesem berührt wird, lacht Tony so entwaffnend, so schutzlos, als habe ihn der andere bei seinem geheimsten Wunsch ertappt. Und der ist, daran lassen auch seine späteren, zutiefst getroffenen Blicke keinen Zweifel, seiner Familie einen Halt zu geben.
| FAZIT
Grandios gespielte Familientragödie nach einem wahren Fall, ungewöhnlich offen erzählt und aufwühlend inszeniert.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung