Sonntag | 27. Mai 2012 | 08:49 Uhr
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  • FILM REVIEW | Standard Operating Procedure
  • Standard Operating Procedure

    Dokumentation | USA 2008
  • | INHALTSANGABE

  • Im Herbst 2003, nachdem das irakische Gefängnis Abu Ghraib von den Amerikanern übernommen worden war, wurden dort von Wärtern, Verhörspezialisten, Geheimdienstlern mit den einsitzenden Gefangenen grausame Spielchen getrieben, die mindestens ein Todesopfer forderten. Die dabei aufgenommenen Digitalfotos schockierten bei ihrer Veröffentlichung wenige Monate später die gesamte Welt – ein nicht wiedergutzumachender Verlust an Glaubwürdigkeit, eine vernichtende moralische Niederlage für die USA. Errol Morris interviewte für seinen Dokumentarfilm „Standard Operating Procedure“ die Täter, um die schrecklichen Ereignisse von Folter und Grausamkeit zu rekonstruieren.
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      • | FILMKRITIK

      • Abu Ghraib: Das war der Supergau der USA im Kampf um die Herzen im Irakkrieg. Nichts hätte das Ansehen des „Hüters der freien Welt“ mehr beschädigen können als die im Frühjahr 2004 aufgetauchten Fotos der Foltersessions in dem berüchtigten irakischen Gefängnis. In dem geschlossenen Mikrokosmos der Gefängnismauern spielten die Psychen von Wärtern, Verhörspezialisten, Soldaten, CIA-Agenten, männlich wie weiblich, verrückt – ein sadistischer, erniedrigender, grausamer Wahnsinn, sorgsam auf Fotos festgehalten. Die perfekte Blaupause für ein psychologisches Experiment um Macht und Gewalt und Demütigung – nur eben ganz echt im Herbst 2003 geschehen.

        Die Fotos der Grausamkeiten haben die Welt aufgescheucht, und es ist unbedingt richtig, per Film diese Ereignisse – die ja auch Medienereignisse sind – aufzuarbeiten. Errol Morris entschied sich für einen bestimmten Aspekt unter den vielen möglichen: nicht historisch, nicht objektiv, nicht psychologisch geht er an den Abu Ghraib-Kompex heran, sondern über die Täter. In Großaufnahme direkt in die Kamera sprechen sie über ihre Erlebnisse, über ihre Taten dort, die sie selbst nicht begreifen. Und das Beste, was man über sie sagen kann, ist, dass sie dumm und naiv waren. Ihre Aussagen sind skandalös, und das wissen sie; ihre Berichte von Folter und Einschüchterung, ihre Erklärungen und Entschuldigungsversuche sind hilflos, echt, kommen aus tiefstem Herzen – und werten das Geschehen doch nie ab. Allein durch die Aussagen derer, die das Unglaubliche verbrochen haben, wird dieses anschaulich, wenn auch nicht begreifbar.

        Am stärksten ist der Film, wenn er einen Forensikexperten erläutern lässt, wie er die Fotos aus drei verschiedenen Digitalkameras in die richtige zeitliche Reihenfolge gebracht hat und dann zu entscheiden hatte, wo der kriminelle Akt begann und wobei es sich nur um die übliche Verfahrensweise, um die „standard operating procedure“ handelte: Der berühmte Kapuzenmann etwa glaubte nur, dass die Drähte, die ihm an Fingern und Genitalien angebracht wurden, stromführend waren – deshalb keine körperliche Gewalt, deshalb kein Verbrechen. Wer nackt mit Unterhose auf dem Kopf ans Bettgestell gefesselt wurde, wurde lediglich einer üblichen Stresssituation ausgesetzt: kein Verbrechen. Nur wo tatsächlich Grausamkeit, schwerste Demütigung oder sexuelle Belästigung zu sehen waren, konnten die Fotos juristisch verwendet werden.

        Doch auf die Stärken seiner Gesprächspartner verlässt sich Morris nicht, weshalb sein Film im Ganzen durchaus schlecht zu nennen ist. Er ist vollkommen überinszeniert, mit stylischen Jumpcuts während der Interviews, mit nachgestellten Szenen, die in Zeitlupe, in Detailaufnahmen, mit Danny Elfmanns deplazierter Bombastmusik so unbedingt bedeutungsschwer und doch so inhaltsleer sind. Hier wird den Ereignissen eine Überdetermination aufgebürdet, ja, fast mythischer Gehalt aufgepflanzt – so dass sich die gewünschte Auseinandersetzung des Zuschauers mit dem Thema nicht einzustellen vermag.

        Wenn man nämlich Mitleid mit den Opfern haben soll, wenn man mit dem Tun der Täter konfrontiert werden soll, wenn man sich moralisch erregen soll über die Vertuschungsversuche der Militärführung, über die Justiz, die die Kleinen hängt und die Großen laufenlässt: Dann sollte man nicht ein konventionelles Making of der schrecklichen Fotos drehen, inklusive Bebilderung durch originale Videos.

        Das aber geschieht zynischerweise (und wohl unbeabsichtigt): eine bloße, nachträgliche Rekonstruktion der Umstände, wie die Fotos von aufeinandergestapelten Nackten, des ikonischen Kapuzenmannes, eines toten Folteropfers zustande kamen. Und eben nichts Tieferliegendes.
      • | FAZIT

      • Was politisch durchaus richtig und wichtig ist, die Aufarbeitung der Abu-Ghraib-Verbrechen des US-Militärs, verkommt zu einer überinszenierten, unwirklich scheinenden Crime-Soap-Opera.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 1.0/10 (1 vote)

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