Sonntag | 27. Mai 2012 | 10:57 Uhr
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  • FILM REVIEW | Stilles Chaos
  • Stilles Chaos

    Drama | Italien 2008
  • | INHALTSANGABE

  • Pietros Frau ist ganz plötzlich gestorben in ihrem Haus am Strand. Pietro ist emotional gelähmt, und als er seine Tochter zur Schule bringt, beschließt er kurzerhand, einfach in einem kleinen Park bis Schulschluss zu warten. Die Vorgesetzten im Büro – er ist Manager in einem Medienkonzern – zeigen Verständnis, und Pietro lebt sich auf der Parkbank ein. Seine Schwägerin freilich wirft ihm vor, nicht genug zu trauern, und der Bruder versucht ihn mit dolce vita abzulenken. Doch erst, als er wieder ins Strandhaus zurückkehrt und eine Zufallsbekanntschaft wild begattet, kann sich ihm das Alltagsleben wieder nähern.
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      • | FILMKRITIK

      • Trauer kann viele Gesichter haben. Pietro macht Folgendes: Er schwänzt das Büro – immerhin ist er leitender Manager eines Medienunternehmens – und nistet sich Tag für Tag im kleinen Park vor der Schule seiner Tochter ein, sitzt Forrest-Gump-mäßig auf einer Parkbank, winkt der Tochter am Fenster zu, fertigt im Kopf Listen an, mit welchen Fluggesellschaften er schon geflogen ist, wo er schon einmal gewohnt hat, wohin er nie wieder gehen will, grüßt eine schöne Frau, die ihren Hund spazieren führt, lässt die Autofunkfernbedienung für einen Down-Syndrom-Jungen hupen, geht in das kleine Café, wird gar von einem Parkanlieger zum Pastaessen eingeladen.

        Das ist durchaus surreal, seine Kollegen und Chefs besuchen ihn, Besprechungen finden unter freiem Himmel statt. Er ist aus dem normalen Alltagsbetrieb gefallen, das ruhige Auge im Sturm des Lebens, ist aus dem Karussell von Beruf und Hektik ausgestiegen, um in sich selbst zu ruhen. Wie etwas aus einer fernen Welt erscheinen ihm die Händel und Intrigen seiner Firma wegen einer bevorstehenden Fusion mit einem internationalen Konzern.

        Pietro ist mit seiner Gefühlsverwirrung, seinem inneren Aufruhr der Trauer und des Schmerzes ein ruhender Pol im Chaos der Welt: das ist offenbar die Grundidee des Films, die Regisseur Grimaldi aber nicht scharf genug herauszuschnitzen vermag. Zu sehr verzettelt er sich in den Familienangelegenheiten Pietros, mit dessen leicht verrückter Schwägerin, schwanger von einer Zufallsbekanntschaft, die ihn beschimpft und ihm jede Liebe zu seiner verstorbenen Frau abspricht. Mit seinem Bruder, einem Jeansdesigner und Teenieidol, der unpassende Ratschläge gibt und Opium raucht. Auch mit seinem Freund, der vielleicht Gelder unterschlagen hat, dessen Frau in ganz normaler Tonlage Unflätiges von sich gibt und dergleichen mehr: das ist alles eher als Stückwerk zusammengefügt als dass es ein rundes Ganzes ergäbe.

        Nanni Moretti, Hauptdarsteller und Drehbuchautor, einer der bekanntesten Filmregisseure und -darsteller in Italien und mit seiner Mischung aus Witz und Melancholie auch international beim Arthousepublikum gefragt, ist natürlich gut. Und abgesehen von der fehlenden direkten Zusammenhang, dem untergründigen zusammenhaltenden, formgebenden Gerüst, sind einzelne Sequenzen sehr schön, sehr einfühlsam gezeichnet: Das ziellose, schmerzvolle Warten der Hauptfigur etwa, eigentlich kaum darstellbar, ist sehr emotional, sehr berührend und mit einem Gestus der Traumhaftigkeit gestaltet. Doch Stringenz, sowohl der Handlung als auch des Gefühlsgemischs des Films, geht irgendwo verloren. Da kann auch Roman Polanskis Cameo-Auftritt am Ende als eine Art Deus ex Machina nichts helfen.
      • | FAZIT

      • Ein Trauernder steigt aus den Mühlen des Alltags aus: der reizvolle surreale Touch dieser zarten Geschichte geht trotz des wunderbaren Nanni Moretti in der Hauptrolle verloren, wenn sich der Film zu sehr verzettelt.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 1.0/10 (1 vote)

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