Juliette kommt bei ihrer Schwester Lea an. 15 Jahre lang haben sie sich nicht gesehen, denn Juliette war im Gefängnis gesessen. 15 Jahre lang kein Kontakt – und nun muss sich Juliette, die keine Wohnung und keine Arbeit hat, einfinden im Haushalt von Lea, die mit Ehemann, zwei adoptierten Kindern und dem stummen Opa in der französischen Provinz lebt. Es ist nicht einfach, sich plötzlich in das normale Leben einzufinden, so wie es für die anderen nicht einfach ist, Zugang zur verschlossenen, isolierten Juliette zu finden. Die Schwestern, die sich einst so geliebt haben, müssen sich wieder neu kennenlernen – und Juliette und ihre Umwelt müssen wieder in Kontakt miteinander kommen.
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| FILMKRITIK
Zu Anfang spielt der Film ein Rätselspiel: Was ist mit Juliette, die ihre Schwester besucht, aber nicht viel redet, kalt und abweisend ist, offenbar gar nicht hier sein will? Ah: sie war im Gefängnis. Nur: warum bloß? Oh: 15 Jahre wegen Mordes an ihrem Sohn! Oha, und während des ganzen Gerichtsprozesses hat sie geschwiegen!? Ja warum denn dies???
Es ist ein Rätselspiel, das sich von Teilantwort zu Teilantwort hangelt, und stets hat man das Gefühl, dass die Auflösung am Ende vollkommen egal sein würde. Und das Schöne ist: Auch der Film besinnt sich, lässt das Geheimnis dann, nach vielleicht 20, 30 Minuten, einfach Geheimnis sein, lässt sich auf seine Figuren ein und verlässt sich auf diese Stärke. Juliette, die bei Lea und Schwager Luc wohnt, mit den beiden vietnamesischen Adoptivtöchtern und dem stummen Opa: daraus entwickelt sich ein spannendes Beziehungsporträt, im Mittelpunkt die Schwestern, die nach langer Zeit ihre einstige Liebe zueinander wiederfinden müssen. Dazu die wunderbar gezeichneten Nebenfiguren, die so treffend, so scharf, so lebensecht charakterisiert sind: Der Polizist Fauré, der von einer Reise zum Orinoco träumt; der Personalchef, bei dem Juliette vorspricht und der von schlechtem Essen redet und wie er sich mit schlechtem Fernsehen bestraft; der Alte im Schwimmbad, der (durchaus erfolgreich) jungen hübschen Mädels nachsteigt… Sie alle stehen in oppositioneller oder übereinstimmender Verbindung mit Juliette, Michel zum Beispiel, ein Lehrer, der schon im Gefängnis unterrichtet hat, durchschaut schnell Juliettes Geheimnis, und in Fauré verbergen sich ungeahnte Untiefen und Stromschnellen.
Und dann immer wieder spielt der Film subtil Juliettes Trauma ein, zeigt hübsche Frauen auf Gemälden, die vom Rahmen gefangen gehalten werden, Affen in ihren Zookäfigen, und immer wieder Juliettes Nichten, die an ihr einen Narren gefressen haben, an ihr, die ihr eigenes Kind getötet hat…
Die Milieuzeichnung ist, wie soll ich sagen: typisch französisch: Schöngeistig kulturell hochstehend, mit vielen fein, wenn auch künstlich verfassten Dialogen, gerne über Rohmer, Lubitsch oder Dostojewski. Selbst der Opa ist nach seinem Schlaganfall kein geistiges Wrack, sonder liest den ganzen Tag in der Bibliothek. Dieses literarisch-bildungshochbürgerliche, kulturell gebildete Ambiente bewirkt einen weiteren Kontrast zu Juliettes unerklärlicher Tat, der den Reiz des Films mit ausmacht.
Leider dann muss Regisseur Philippe Claudel, von Haus aus Schriftsteller, der hier seinen ersten Film inszeniert hat, am Ende auf sein Rätsel vom Anfang zurückkommen, alles gefällig-sentimental auflösen. Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn tatsächlich zeigt sich, dass die Antwort weit weniger interessant ist als der Weg dahin.
| FAZIT
Beim Regiedebüt des Autors Claudel hapert es etwas an einer überkonstruierten Dramaturgie, die bei diesem einfühlsamen, feinfühligen und liebevollen Familiendrama gar nicht nötig gewesen wäre.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung