Sowjetunion, 1984. Artjom (Leonid Gromov), Professor für wissenschaftlichen Atheismus, fährt nach einem Besuch bei seinem Bruder Miša, einem Oberst der Armee, zu seiner Mutter nach Leninsk. Auf der nächtlichen Straße bleibt sein Auto jedoch liegen. Als Niemand anhält um ihm zu helfen, begibt er sich zu einem Haus in der Nähe. Dessen Bewohner machen auf Artjom einen merkwürdigen Eindruck. Nach einigen Gläsern Wodka wird ihm jedoch geholfen und sein Auto repariert. Der nun betrunkene Artjom schafft es gerade noch, zu seinem Bruder zurückzufahren.
Währenddessen fährt Valera (Leonid Bichevin), der Verlobte von Mišas Tochter Liza, zu einer Party in einer Ruine an der Landstraße. Dort begegnet Valera einer Freundin von Liza: Angelica (Agnija Kuszenova). Valera und Angelica tanzen zusammen, wobei sich Valera maßlos betrinkt. Als die beiden endlich den Heimweg antreten, will sich Valera noch mehr Alkohol beschaffen und landet in der selben Hütte, in der Artjom zuvor sein Auto reparieren ließ. Dort betreibt der zwielichtige Aleksej mit seiner Frau Tonja und einem Vietnamesen eine Schnapsbrennerei.
Nach einem weiteren Besäufnis bricht Valera in der Hütte zusammen. In einem Streit erschießt Žurov (Aleksej Polujan), ein Freund der Familie, den Vietnamesen und vergewaltigt Angelica. Žurov verschleppt Angelica nach Leninsk und fesselt sie dort an sein Bett. Hier lebt er seine immer entsetzlicheren, sadistischen Fantasien aus und für Angelica schwindet bald jede Hoffnung auf Rettung.
WERBUNG
| FILMKRITIK
Regisseur Aleksej Balabanov zeichnet mit „Cargo 200“ ein erschreckendes Porträt der späten Sowjetunion. Vor Glasnost und Perestroika ist die hier gezeigte Gesellschaft im Verfall erstarrt. Bereits der Titel deutet auf Ausweglosigkeit hin – mit „Cargo 200“ werden im Militär die zurückkehrenden Särge der gefallenen Soldaten aus Afghanistan bezeichnet. Der oft erwähnte Afghanistan-Krieg wird jedoch gar nicht gezeigt. Die verfallene Kulisse von Leninsk reicht aus, um die hoffnungslose Lage zu illustrieren. Nichts – aber absolut gar nichts ist hier heil. Selbst die Parteioberen leben nur noch in Ruinen.
Fast schon wie eine Persiflage auf gängige russische Klischees wirkt die in „Cargo 200“ zelebrierte Trinkkultur, die in sinnlosen Besäufnissen mündet. Die russische Seele wird nicht nur als in sich gekehrtes und desillusioniertes Wesen dargestellt. Vielmehr leben die Figuren des Films geradezu von ihrem Egoismus. Eine Rettung Angelicas scheitert nicht nur an Bürokratie und Inkompetenz, sondern an purer Gleichgültigkeit. Nicht nur das System, sondern auch jedes einzelne Individuum werden hier kritisiert. Freilich kann man dem Film deshalb vorwerfen, keine Sympathie für seine Figuren hervorzubringen.
Diese Sympathien braucht der Film jedoch auch nicht, denn er ist gleichermaßen ein Denkspiel, in dem wir Figuren miteinander in immer neue Beziehungen setzen können, als auch ein spannender Thriller. Trotz der örtlichen Perspektivlosigkeit werden dem Zuschauer hingegen immer neue Sichtweisen ermöglicht.
Regie und Kamera verstehen es, in Žurovs Zimmer ein geradezu malerisches Bild des Verfalls zu entwerfen, in dem die nackte Angelica sich zwischen verfaulenden Leichen ängstigt. „Wir haben Fliegen“ stellt Žurovs fast bis ins Wachkoma besoffene Mutter dazu lakonisch fest. Das besondere am Grauen in „Cargo 200“ ist, dass die Handlung auf surreale Hintergründe verzichtet und ganz allein in der Realität verhaftet bleibt. Besonders hierdurch fällt es schwer, das filmische Geschehen zu abstrahieren und in einen rein künstlerischen Kontext zu setzen. Der Hinweis zu Anfang des Films, die Ereignisse beruhen auf einer wahren Begebenheit, stoßen uns hier als Erinnerung unangenehm auf. „Cargo 200“ verbietet sich eine Schaulust am Abgründigen und Ekeligen und versetzt seine Zuschauer in eine Apathie des Entsetzens.
Es ist für den westlichen Zuschauer nicht immer nachvollziehbar, inwiefern die Zustände der Sowjetunion realistisch oder überzogen dargestellt werden. „Cargo 200“ zeigt ein nicht mehr lebensfähiges Land, dessen Zerfall wenig später zum Ende führt. Die Figuren des Films und das hier präsentierte Erbe Russlands machen auf jeden Fall eines: Angst.
| FAZIT
Abgründiger und tiefschwarzer Thriller, der zugleich eine Gesellschaft am Ende eines Verfallsprozesses zeigt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung