Sonntag | 27. Mai 2012 | 10:25 Uhr
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  • FILM REVIEW | Die Unbekannte
  • Die Unbekannte

    Thriller, Drama, Mystery | Frankreich / Italien 2006
  • | INHALTSANGABE

  • Irena aus der Ukraine schleicht sich als Haushälterin in den Haushalt der italienischen Goldschmiedfamilie Adacher ein. Schnell freundet sie sich mit der Tochter an, die Mutter aber bleibt reserviert, sie ist misstrauisch. Und dann ist da noch ein Glatzkopf, der Irena zu verfolgen scheint... Die Vergangenheit holt Irina ein.
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      • | FILMKRITIK

      • „Die Unbekannte“ beginnt mit maskierten nackten Frauen bei einem mysteriösen Casting. Das ist an sich nichts Schlechtes und kann einem Film, einem Thriller zumal, mit einer gehörigen Grundspannung aufladen. Doch die Geheimnisse, die der Film zu Beginn andeutet, werden im weiteren Verlauf eben nicht angemessen weiterentwickelt, ja, sie lösen sich teilweise von selbst auf, weil der Zuschauer bald ahnt, in welche Richtung die Story um Irena und die Juwelierfamilie, in die sie sich einschleicht, gehen wird.

        Giuseppe Tornatore ist ein Filmerzähler, der immer wieder gerne aus den Vollen schöpft. Volle Gefühle, volles Leben, volles Kinoerlebnis, das strebt er an – er will ein persönliches Drama um die tiefsten inneren Emotionen und zugleich einen Thriller, der seine Suspensefäden zieht, die wie ein Spinnenetz den Zuschauer fangen sollen. Das aber passt hier gar nicht zusammen, die „Unbekannte“ bleibt unbekannt. Zu sehr konstruiert Tornatore an einer ominösen Stimmung mittels kurzer Flashbacks, Erinnerungen an eine vergangene Liebe im Sommerlicht und an brutale Szenen von Prostitution und Vergewaltigung. Dem fügt der Film gegen Ende eine weitere Komponente hinzu, die von Muttergefühlen.

        Der Kardinalfehler dabei ist, dass eine Einfühlung in die Hauptprotagonistin dadurch erschwert wird. Man weiß weder, wo sie herkommt, noch, wohin sie will – Tornatore lässt sie mit immensen Mengen Bargeld unbekannter Herkunft hantieren, lässt sie ein Haus belauern (wohnen darin die Guten oder die Bösen? Will Irena das Gute oder das Böse?), und er lässt Irena eine alte Frau, in deren Vertrauen sie sich geschlichen hat, eine hohe Treppe hinunterstürzen, so dass das Opfer fortan menschliches Gemüse sein wird – soll man da Sympathie empfinden mit der Täterin, deren Motive einem verborgen bleiben?

        Dabei ist Identifikation alles, beim Thriller wie beim Melodram. Diese beiden Genres will Tornatore verquicken, ein Drama der Gefühle mit dem Thrill eines Racheplans vermählen. Ein hitchcockesk inszeniertes Treppenhaus, die Suspense um einen Schlüssel, den Irina aus einer Handtasche geklaut hat, den sie unter Zeitdruck nachmachen lassen will und dann wieder unbemerkt in die Tasche zurückschmuggeln muss – solche Szenen funktionieren durchaus, doch wenn dann mehr als die Hälfte des Films vorüber ist und das Interesse an den Figuren mehr und mehr nachlässt – weil man irgendwann ahnt, worauf alles hinausläuft, weil andererseits Tornatore mit aller Gewalt sein Geheimnis geheimnisvoll lassen will – verblassen sowohl die Momente des Spannenden wie des Dramatischen.

        Man lauscht da lieber der Musik von Ennio Morricone, dem Meister, der die Klischees von Spannungsmusik mit den Streichern des Melodrams kunstvoll kombiniert – ein Soundtrack, der durchaus von hoher Qualität ist, der die Geschichte, die Atmosphäre womöglich besser erzählt als der Film. Der aber auch allzu stark wirkt – was freilich weniger an der Musikuntermalung selbst liegt denn am schwachen Film, den sie unterstützen soll und für den sie zu mächtig ist. Das marode Haus des Films wird vom prächtigen Verputz der Musik erdrückt.
      • | FAZIT

      • Versuch eines Thrillermelodrams, das aber reichlich wirkungslos zusammengemanscht ist. Dafür: die Musik!
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 10.0/10 (1 vote)

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