1975/76 drehte der französische Regisseur René Allio den Film: "Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma soeur et mon frère", der einen authentischen Mordfall aus der Normandie nacherzählt, mit dem sich auch Michel Foucault beschäftigt hat. Am 3. Juni 1835 hatte Pierre Rivière, ein Bauernsohn aus einem Dorf in der Normandie, seine Mutter, seine Schwester und seinen Bruder ermordet. Obwohl Rivière als "dumm" galt, schrieb er nach seiner Verhaftung die Hinter- und Beweggründe seiner Tat in einem erstaunlichen 80seitigen Dokument nieder. Um den historischen Ereignissen möglichst nahe zu kommen, hatte sich Allio dazu entschlossen, jede bäuerliche Rolle von Anwohnern des Dorfes spielen zu lassen, in dem 140 Jahre zuvor die Tat begangen wurde. Nicolas Philibert war damals 24 Jahre alt und Allios Regieassistent.
Nun, 30 Jahre später, kehrt Philibert in die Normandie zurück und besucht die Menschen, die für Allio als Laiendarsteller fungiert haben. Er spricht mit den Bewohnern, lässt sie von ihren Erinnerungen an den Filmdreh und ihrem Leben seither erzählen. Gleichzeitig zeigt er die Menschen des Dorfes bei ihren alltäglichen Verrichtungen und hält die Atmosphäre fest, in der sie heute leben. Philibert beleuchtet, wie stark die kurze Erfahrung des Drehs das weitere Leben der Menschen geprägt hat und wie sehr sie auch drei Jahrzehnte später noch an diesen Erinnerungen hängen. Gleichzeitig ist der Film eine Hommage an den Regisseur René Allio, der 1995 starb.
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| FILMKRITIK
Was das Thema anbelangt, ist "Retour en Normandie" ein bemerkenswert eigenständiger Film. Philibert hat nicht viel zu erzählen und will mit dem was er zeigt auch nicht die Welt verändern, wie es gerade heutzutage so viele Dokumentarfilme versuchen. Ganz im Gegenteil scheint es so, als unternehme er die Reise nur ganz für sich allein. Er fühlt sich seinen Zuschauern nicht verpflichtet. So erklärt sich auch, warum dieser immer wieder ziemlich allein gelassen wird, wenn es um das Verständnis dessen geht, was da auf der Leinwand eigentlich thematisiert wird.
Nicht, dass hinter dem Film überhaupt kein Sinn stünde. Das Gegenteil ist der Fall. Nur gehört "Retour en Normandie" zu den Filmen, deren Komplexität sich erst lange nachdem man ihn gesehen hat erschließt, so dass man am Ende gar nicht mehr weiß, ob die wahrgenommenen Bedeutungen tatsächlich im Film stecken oder nur durch eigene kreative Interpretationen entstanden sind. Was man im Film (möglicherweise) sehen kann, ist zum Beispiel folgendes: In ihm wird thematisiert, wie sehr Erinnerungen das Leben von Menschen beeinflussen können, wie konstruiert diese Erinnerungen bisweilen sind und wie nah oder entfernt ein Film von der Realität sein kann. Außerdem: Wie groß die Unterschiede zwischen den sozialen Gruppen der Bauern und der Kulturschaffenden waren und nach wie vor sind und wie unberechenbar die Zeit sein kann, da sie angesichts bäuerlicher Lebensweise kaum vergangen zu sein, aber angesichts gesellschaftlicher Neuerungen zu rasen scheint.
Philibert verbindet immer wieder Versatzstücke miteinander, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen, auf den zweiten aber äußerst deutlich aufeinander verweisen. Und so kombiniert er die Geburt eines Ferkels mit der poetischen Schönheit eines Geständnisses, die Sprachlosigkeit einer aus dem Koma erwachten Frau mit dem Geplapper einer Diskussionsrunde oder das Schlachten eines Schweins mit der Suche nach einem Grab. Aber auch hier gilt: Der Fantasie des Zuschauers setzt Philibert keine Grenzen.
"Retour en Normandie" breitet sich vor dem Betrachter in langen, seelenruhigen Einstellungen aus. Die immer wieder eingefügten – zwischen Nostalgie und Melancholie schwebenden – Klavierakkorde wirken bisweilen zu manieriert, zu abgedroschen und bedeutungsschwanger. Und man wird das Gefühl nicht los, dass der Film sich irgendwo in der Leere verliert, während man zunehmend ermüdend nach Informationen sucht. Erschwert wird diese Suche dadurch, dass Philibert es vermeidet, die interviewten Personen direkt ihren damaligen Rollen zuzuordnen, so dass man – kennt man den Film Allios nicht – weder weiß, um welche Rolle es gerade geht, noch, was für eine Bedeutung die historische Figur hinter dieser Rolle hatte.
| FAZIT
Philibert wirft einen sehr persönlichen und ruhigen Blick in die Vergangenheit, die einen Blick in die Vergangenheit geworfen hat und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung