Januar 1996, ein Sonntag wie jeder andere: Adam und Tommek hängen rum, labern, trinken, klauen Messwein und eine Geldbörse, weil sie nichts anderes zu tun haben. Abends eine Party, auf der sie rumhängen, labern, trinken – und einen Plan ausspinnen: Heute bringen sie jemanden um. Sie ziehen durch die nächtlichen Straßen, und den nächsten, der um die Ecke biegt, soll dran glauben müssen. Ein Mord ohne Motiv.
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| FILMKRITIK
Imponiergehabe, Prahlerei, pubertäre Machtspiele und Sinnsuche, Perspektivlosigkeit, Langeweile in den tristen Outskirts einer Großstadt, wo die Schulabbrecher unbehelligt in den Tag leben können, weil sich keiner um sie kümmert: ein Mord ohne augenfälliges Motiv ist das schreckliche Ergebnis einer Gemengelage, die der Film präzise nachzeichnet.
Niels Laupert hat genau recherchiert und die einzelnen Schritte filmisch nachgezeichnet, die damals, im Januar 1996, zu einem Schwerverletzten und zu einem Toten führten und dazu, dass die jugendlichen Täter als Präzedenzfall in Europa trotz ihres Alters von nur 16 Jahren wegen der Schwere der Tat nach Erwachsenenstrafrecht zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt wurden.
Tommek und Adam haben sich gegenseitig hochgeschaukelt, mit Kumpelei, die unversehens in Rivalität umschlägt um die gleichaltrige Sarah, aber auch darum, wer cooler ist, überlegener, souveräner. Wobei Adam meist den Kürzeren zog, obwohl er sich so bemüht. Wo er doch als Ministrant den Messwein aus der Sakristei stiehl, als ihn Tommek, der eigentlich Schmiere hätte stehen sollen, ganz fies im Stich ließ. Aber der Tommek, der biegt alles so hin, dass nie irgendein Makel an ihm hängen bleibt – und so geht es immer mehr in Richtung Gewalt, in Gedanken, dann, bei einem Geldbörsendiebstahl, auch ganz real. Und nachts, bei einer Alk-Party, dann der Plan: einen Menschen umbringen, einfach so. Das können wir doch fertig bringen.
Und was ist das für ein Adrenalinkick, kaltblütig das Schicksal eines Anderen in der Hand zu haben! Ein toller Moment kumpelhafter Freundschaft, der da entsteht, eine gemeinschaftsstiftende Tat, eine Euphorie, die sich hier Bahn bricht, wenn der nächste, der einem begegnet, des Todes ist. Von den Darstellern ganz wunderbar ausgelassen gespielt, als gäbe es kein Morgen, als gäbe es keine Kamera. Und dann die Ernüchterung am Tag danach, als sich alles abkühlt, die Begeisterung an der eigenen Untat, die eben nicht mehr unmittelbar wirkt, wenn die gefühlte Freundschaft nachlässt. Natürlich werden die beiden ganz schnell gefasst.
Ganz kühl und nüchtern werden die Ereignisse abgehandelt, oberflächlich ohne jede Wertung. Doch dann ist da die dynamische Kamera, die das Geschehen sehr flott, sehr beweglich verfolgt. Und die aggressiven Popsongs, von den Babyshambles, von Portishead, die das Geschehen kommentieren. Und dann ist da die ausgeprochene Trostlosigkeit des Sets, die verfallene Fabrik, die leeren öffentlichen Plätze, die tristen Plattenbauten. Und dann ist da, als Kontrast, Adams Verhalten zuhause, wo er sich lieb um die Oma kümmert, bei der er aufwächst – die dann, am Ende, sich mehr über Adams Knasttattos aufregt als über den Mord: „Die Sache ist irgendwann vergessen, aber du malst dir die Vergangenheit unter die Haut.“ Eine Milieuzeichnung, die einen Erklärungsversuch enthält – ohne je entschuldigen zu wollen.
Wie Truman Capote in den 60ern hat Niels Laupert einen kaltblütigen Mord fiktionalisiert, ohne das Authentische, das Reportagehafte der Schilderung zu vernachlässigen – inzwischen arbeitet Laupert an einem Dokumentarfilm über die Täter, die nun 10 Jahre Haft hinter sich haben. Und nur eines verhindert die vollkommene Unmittelbarkeit in seinem Spielfilm: das präzise Hochdeutsch, das die Figuren sprechen und das sich doch recht gekünstelt anhört.
| FAZIT
Filmisch zeichnet Niels Laupert die Ereignisse eines Mordes ohne vordergründiges Motiv nach: nüchtern, präzise – und hoch emotionalisierend.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung