Octave ist Kreativer in einer Werbeagentur und führt ein ausgeflipptes, spaßiges Leben voll Drogen und Mädchen – jetzt stürzt er sich vom Firmengebäude und lässt vor dem tödlichen Aufprall sein Leben vor sich abspielen.
Er erfindet er Werbespots, die den Konsumenten Wünsche einflüstern, die das Produkt dann befriedigen wird. Ein Auftraggeber aber ist schwierig: Für Madone-Joghurt (hihi, ganz bestimmt keine Anspielung auf Danone) hat Octave eine superwitzige Idee, die vom knochentrockenen Marketingchef niedergeschmettert wird. Also muss halt der standarddoofe Lahmarschwerbespot her.
Zudem hat sich Octave in eine Praktikantin verliebt. Als sie ihm mitteilt, dass sie von ihm schwanger ist, lässt er sie fallen – das passt nicht in seinen ach so unabhängigen und modernen Lifestyle. Ohne es zu merken, ist er da aber schon im Abstieg begriffen, die Sitzungen bei Madone sind nervenaufreibend, und sein Chef begeht Selbstmord. Beim Dreh des Joghurt-Spots in Miami dreht Octave eine ganz eigene Version des Werbefilmchens – und fährt anschließend auf Droge Amok durch die Straßen, mit mindestens einer Toten…
WERBUNG
| FILMKRITIK
Wer in einer virtuellen Welt der Werbung lebt, dessen Leben wird selbst virtuell. Octave ist Kreativer bei der Werbefirma Ross&Witchcraft und lebt im Exzess: Frauen, Drogen, flotte Witze – Oberflächenreize, die die Leere in seinem Leben kaschieren, die vortäuschen, dass überhaupt Leben in ihm steckt, die die Leere in seinem Beruf vor ihm selbst verbergen. „39,90“ war Anfang des Jahrtausends ein Bestseller, der die Wunschproduktion durch Konsumentenmanipulation trefflich beschrieb. Für die Verfilmung wurde Jan Kounen engagiert, der selbst über 30 Werbefilme gedreht hat – und das Medium Film selbst ist der ideale Träger für eine Geschichte, die vom Nichts handelt, das in Schönheit verpackt werden muss.
Das Medium Film ermöglicht die Hyperstilisierung der Bilder, die tausend Informationen zu einem beliebigen Zeitpunkt transportieren können. Kounen ist sich des manipulatorischen Wirkungspotentials seiner Bilder bewusst, und er setzt es gezielt und genüsslich ein für seine satirischen Zwecke. „Fear and Loathing in Las Vegas“ und „Fight Club“ stehen natürlich Pate – doch „39,90“, der Film, bringt doch ganz eigene Ideen ein, visuelle Kommunikationsmöglichkeiten mit originellem Spin: er ist nicht einfach eine Literaturverfilmung, vielmehr scheint der Stoff genau für diesen Film gemacht.
Kounen übernimmt die Werbeästhetik der übervollen, dichten Bilder, mit schicken Tricks und flotten Schnitten, um damit freilich etwas ganz anderes zu erzählen: von der Verzweiflung nämlich, die sich in einem Leben, das ganz der Oberflächlichkeit gewidmet ist, irgendwann breit macht, wenn klar wird, dass es auch noch anderes, Tieferes geben muss. Aber was das ist, wie es zu erreichen ist, bleibt in einem solchen Leben unklar.
Flott und witzig ist dieser Film, so, wie Octave flott und witzig ist und die Werbespots, die er erfindet. Frustration über zugeknöpfte, verständnislose Auftraggeber, den Verlust der Liebe zu einer schönen Frau: das macht ihn nachdenklich, ihn, der nie über sich nachgedacht hat, sondern nur darüber, wie er andere manipulieren könnte. Und auch den Abstieg, psychisch, emotional, von Octave begleitet der Film mit hippen, ironischen, virtuellen Bildern – die Virtualität der Welt, die er beschreibt, überträgt sich auf die Beschreibung selbst, die ebenfalls mit ihrer Virtualität nicht hinterm Berg hält.
Und während der Plot irgendwann in seiner zunehmenden Dramatik ans Pathos zu grenzen beginnt – Liebeskummer, Drogenabsturz, Manipulation der Werbemanipulation, Selbstmord etc. – da steigert sich die Selbstironie, die Selbstreflexion des Films noch. Eine drogenindizierte Amokfahrt per Cabrio durch Miami zeigt er im Stil eines Comic-Videospiels, und am Ende macht er ganz klar, dass das Paradies, in dem sich das Happy End findet, eben doch auch nur etwas ist, was uns von außen aufgesetzt wird. Erlösung kann es nicht geben.
| FAZIT
Eine tragische Geschichte von Verzweiflung, Oberflächlichkeit, Unmenschlichkeit – erzählt, als wär’s ein einziger langer Werbespot. Eine hippe Bestsellerverfilmung, die ihr satirisches und selbstreflexives Potential der Bildermanipulation voll ausschöpft.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung