FILM REVIEW | Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra
Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra
Drama,
Krimi
| Italien 2008
| INHALTSANGABE
Im Drogenumschlagplatz Scampia lebt der dreizehnjährige Toto. Täglich beobachtet er das Treiben des Clans der „Scissionisti“ und des Clans „Di Lauro“. Sein Geld verdient er mit Botengängen für seine Mutter. Doch anstelle mit dem Verteilen von Lebensmitteln sein Taschengeld zu verdienen, möchte Toto lieber zu einem der Clans gehören. Da es ihm gelingt, durch riskante Aktionen und Gehorsam den Respekt der Älteren zu verdienen, gelingt ihm das auch. Dann bricht zwischen den Clans jedoch eine ernste Fehde aus und Toto gerät mitten zwischen die Fronten.
Auch Don Ciro kommt regelmäßig nach Scampia. Seine Aufgabe ist es, im Auftrag der Mafia, Angehörigen toter oder inhaftierter Mitglieder des Clans eine monatliche Pension auszuzahlen. Bislang wurde er wegen dieser Aufgabe mit Respekt behandelt, doch seit sich die Clans in Scampia bekriegen ist auch seine Arbeit riskanter geworden. Schließlich verlieren selbst seine Auftraggeber die Übersicht, wer noch zu ihnen gehört und wer gegen sie ist und Don Ciro steht direkt in der Schusslinie.
Die Jugendlichen Marco und Ciro halten ihr eigenes Leben für einen ziemlich coolen Film. Sie streunen durch die Gegend, nehmen Drogenhändler aus und haben keinerlei Respekt vor dem Clanchef, der es in ihren Augen niemals mit „Scarface“ aufnehmen kann. Als sie einige Mitglieder der Camorra dabei beobachten, wie sie Waffen in einem Versteck unterbringen, schleichen sie sich hinterher und stehlen einige der Waffen. Viel zu spät merken sie, dass sie sich mit dem falschen Gegner angelegt haben.
Im Gegensatz zu Marco und Ciro hat Roberto gute Zukunftsperspektiven, immerhin hat er gerade die Universität abgeschlossen. Und so findet er auch eine Anstellung bei Franco, der im Bereich des „Giftmüllmanagements“ arbeitet. Gemeinsam mit Franco sucht Roberto nun günstige Orte, an denen sich unbemerkt Giftmüll vergraben lässt. Auftraggeber finden sie auf der ganzen Welt. Auf diese Weise lässt sich viel Geld verdienen, allerdings ebenso illegal wie unmoralisch. Und das geht auch Roberto nach und nach auf.
Wesentlich weniger unmoralisch ist Pasquales Arbeit. Er ist Schneider, ein sehr talentierter noch dazu. Doch obwohl er hochwertige Haute Couture fälscht, die sogar von Stars auf dem roten Teppich getragen wird, muss er Monat für Monat mit einem Hungerlohn auskommen. Als er dann ein Angebot von einem chinesischen Geschäftsmann bekommt, einigen Näherinnen Lehrstunden zu erteilen, nimmt er das Geld dankend an. Da die Chinesen jedoch massiv auf den hart umkämpften Fälschungsmarkt drängen, sieht die Camorra Pasquales Verrat ganz und gar nicht gerne.
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| FILMKRITIK
Die Provinzen Neapel und Caserta sind zwei der Gebiete, die unter dem Einfluss und der Macht der Mafiaorganisation Camorra stehen. In den vergangenen 30 Jahren gingen mehr Morde auf ihre Rechnung als auf die jeder anderen kriminellen Organisation, Terroristengruppierungen eingeschlossen. Die Camorra hat dabei nicht nur im internationalen Drogen- und Waffenhandel ihre Hand im Spiel, sondern verdient ihr Geld unter anderem auch mit der illegalen Entsorgung von Giftmüll, durch gefälschte Designermode oder Schutzgelderpressung. Doch mittlerweile hat sich das Netz der Camorra auch in Bereiche wie Bau, Tourismus, Einzelhandel oder Banken ausgeweitet und diese Geschäftsbeziehungen haben längst internationalen Charakter. Unter den „Mitgliedern“ finden sich Menschen aus allen sozialen und beruflichen Schichten. Fünf dieser Menschen werden zu Hauptfiguren in Matteo Garrones Film „Gomorrha“, der auf dem gleichnamigen internationalen Bestseller von Roberto Saviano beruht.
Seit Saviano dieses Buch, eine Mischung aus Roman und journalistischer Reportage, veröffentlicht hat, lebt er unter Polizeischutz und versteckt an wechselnden Orten. Bereits dieser Umstand verdeutlicht die Brisanz des Buch- und ebenso des Filminhalts. Und der wird dem Zuschauer in einem äußerst nüchternen Sozialrealismus präsentiert. Konflikte werden nicht geglättet, sondern gezeigt wie sie sind: Brutal und emotionslos. Das Gangsterleben wird dabei weder stilisiert noch verherrlicht, wie man es zum Beispiel aus den „Godfather“-Filmen oder „Scarface“ kennt.
Dass auch der Mafia-„Nachwuchs“ diese Filme im Kopf hat wird vor allem durch die Episode um Marco und Ciro deutlich gemacht. Indem sie übermütig ihren persönlichen Gangsterfilm nachspielen, werden die sonst so beliebten Klischees des Mafialebens ins Licht der Realität gezerrt. Der verklärende Glanz und die Faszination, die einst ein „Don Corleone“ verströmte, weichen in „Gomorrha“ einer kalten Wahrheit, die man so noch nie gesehen hat.
Selbstverständlich liefen auch die Dreharbeiten in Scampia nicht ohne Kenntnis der Camorra ab. Doch deren stillschweigendes Einverständnis und der Enthusiasmus der Bewohner für das Projekt, sorgten für den Schutz von Garrones Cast und Crew. Für den Dreh waren neben professionellen Schauspielern auch zahlreiche Bewohner Scampias als Komparsen engagiert worden, also Männer und Frauen, für die das Leben mit den Camorristi Bestandteil ihrer Realität ist. Auch aus diesem Grund verströmt der Film eine geradezu dokumentarische Authentizität, die einen tiefen Eindruck hinterlässt.
Auch wenn Garrone die Geschichten von fünf unterschiedlichen Menschen erzählt, die alle auf ihre eigene Weise mit der Camorra verbunden sind, blickt er doch in erster Linie auf deren Basis. Zu sehen sind Befehlsempfänger, die wirklichen Befehlshaber bleiben im Dunkeln und entziehen sich somit jeglicher Stereotypisierung. Gleichzeitig wirft der Film auch einen Blick auf einen vernachlässigten Winkel Europas; eine Betonwüste, in der Kinder heranwachsen, deren Zukunftsperspektiven trostlos sind. Eine Welt, in der eigene Gesetze herrschen und die vor allem von Angebot und Nachfrage geprägt ist. Denn – und das macht „Gomorrha“ ebenfalls deutlich – auch die Camorra kann ihr Geld nur verdienen, weil ihre Dienstleistungen in Anspruch genommen werden. Und das weltweit.
| FAZIT
Kühl, realitätsnah und beeindruckend. So hat man das organisierte Verbrechen noch nie gesehen.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung