FILM REVIEW | WALL·E - Der Letzte räumt die Erde auf
WALL·E - Der Letzte räumt die Erde auf
Science Fiction,
Familie,
Animation
| USA 2008
| INHALTSANGABE
Wall·E ist ein Roboter. Der letzte Roboter auf der Erde. Die Erde ist schon lange von Menschen verlassen worden, weil sie vollständig zugemüllt ist. Wall·E hat die Aufgabe, den Müll zu beseitigen – seit Jahrhunderten tagein tagaus dasselbe. Doch Wall·E hat eine kleine Besonderheit entwickelt: eine Persönlichkeit. Er sammelt das aus dem Müll, was ihm schön erscheint, und er liebt die alte VHS-Kassette von „Hello Dolly“, wo die Menschen singen und tanzen und sich an den Händen halten…
Eines Tages geht sein romantischer Traum in Erfüllung: ein hochtechnisiertes Raumschiff landet, dem eine schöne, weiße Sonde entsteigt. Wall·E umwirbt sie, die EVE heißt, und sie erhört ihn – nur um den Standby-Zustand zu fallen, als ihr Wall·E eine kleine Pflanze schenkt. Das Raumschiff holt EVE ab, und Wall·E, der Liebe verfallen, verfolgt sie bis zum Mutterschiff, wo die inzwischen verfettete Menschheit darauf wartet, wieder zur Erde zurückkehren zu können. Die Pflanze bedeutet Hoffnung – und der Captain des Schiffes setzt den Kurs auf Heimkehr. Wäre da nicht der Autopilot-Roboter, der die Rückkehr verhindern will… Ein Putzroboter und durchgedrehte Maschinen spielen auch noch eine Rolle.
WERBUNG
| FILMKRITIK
Zuerst ist da ein kurzer Vorfilm, „Presto“, ein Duell auf offener Varietébühne zwischen einem Zauberer und seinem Kaninchen, das in eine Menge Gags im Tex-Avery-Stil hinausläuft – sehr witzig, sehr schnell, doch: das Kaninchen agiert nicht aus spielerisch-lustvoller Trickster-Bosheit wie Bugs Bunny, sondern aus einem einfachen Grund: Hunger. Emotionalität tritt so in den Animationsfilm ein; und obwohl die rasante Kampfkomik kaum etwas mit „Wall·E“, dem Hauptfilm, zu tun hat, sind beide doch eng verwandt.
Bei „Wall·E“ geht es erstmal nämlich nur ums Gefühl. Und das allein macht ihn schon zu etwas Besonderem. Bisherige 3D-Animationsfilme – ob in ihnen Ameisen, Spielzeug, Monster, Märchenfiguren, Eiszeittiere, Fische etc. pp. agieren – laufen eben doch hauptsächlich auf die visuellen Gags eines modernen, komplexen Slapsticks hinaus. Ein Ziel muss erreicht werden, Hindernisse tauchen auf, Turbulenz ist das Ergebnis. Weil die Macher intelligent sind und Kinder der Postmoderne sind die Storys gespickt mit feinen, subtilen, derben bis makabren, ironischen, zugleich weitgehend kindgerechten Witzen. Das alles ist im Detail durchaus originell (wenn sich’s nicht wie bei „Shrek“ selbst totläuft); im großen Ganzen aber eben doch den inzwischen etablierten Genrekonventionen verhaftet.
Anders „Wall·E“. Das ist eine – und es erscheint als schiere Revolution – Romanze. Und noch dazu eine Dreiviertelstunde lang: eine wortlose Romanze. Und noch dazu eine Romanze zwischen Maschinen.
Die Erde ist verdreckt, Wall·E ist der letzte noch funktionierende Roboter, der seit Jahrhunderten Tag für Tag seinen Dienst tut: er sammelt Müll, presst ihn in Blöcke und häuft diese Blöcke an. Doch er hat Persönlichkeit entwickelt, was ihm gefällt, das sammelt er: eine Glühbirne, ein Feuerzeug, eine Videokassette mit dem Filmmusical „Hello Dolly“, das er auf einem alten iPod abspielt, wieder und wieder. Vom Video lernt er menschliches Verhalten, Tanzen und Händchenhalten. Und wie ein Kind geht er mit weit geöffneten Augen durch die Welt.
In dieser wortlosen Anfangssequenz bewahrt sich auch der Film einen sense of wonder, er blickt mit verwunderten Augen auf die Schönheit des Mülls, den die Kamera sorgsam enthüllt, er nimmt sich Zeit, lässt nur ganz kleine, leichte Gags zu. Er vermenschlicht seine Figuren in einer bisher nicht gesehenen Weise, nicht durch allzu anthropomorphes Aussehen, sondern im Verhalten, durch ihre Seele, denn der Film gesteht ihnen nicht nur Menschlichkeit, sondern Humanität zu.
Wall·E entdeckt die Liebe, etwas ganz Neues für ihn, als eine hypermoderne Sonde namens EVE abgesetzt wird, unermüdlich umgarnt er sie, bis sie ihren Verehrer erhört: eine Science-Fiction-Variante des „Ich Tarzan – Du Jane“-Dialogs, wenn sich beide in statisch aufgeladenen, elektronisch verzerrten Roboterstimmen ihre Namen sagen. Und irgendwie weit ehrlicher, als wenn sich Hollywoodstar und Hollywoodstar nach Wirrungen in einer beliebigen Sentimentalitätsromanze zum Traualtar führen. Wall·E und EVE, das ist Werben, Annähern, Erkennen, Flirten, Liebe. Es sind nur roboterförmige Pixelanhäufungen? Egal.
Die Bergsonsche Theorie des Lachens – das entsteht, wenn sich Menschliches mechanisch oder Mechanisches menschlich verhält – wird hier angereichert mit dem Wunder der Liebe, dem Lachen aus Sympathie und Freude am Glück.
Dann geht’s in den Weltraum.
Und hier wird’s dann turbulent, ein Ziel muss erreicht werden, Hindernisse türmen sich auf, es läuft auf die visuellen Gags des modernen, komplexen Slapsticks hinaus.
Was ja nicht schlecht ist.
Und was eine moralische Botschaft enthält wider Konsumwahn und Bequemlichkeitshype, wider Umweltzerstörung, Wegwerfgesellschaft und Trägheit von Körper, Geist und Sinn.
Was sich aber eben doch im herkömmlichen Fahrwasser bewegt.
| FAZIT
Der Animationsfilm auf neuer Stufe: der der emotionalen Romanze. Pixel erzeugen Gefühl – das ist etwas ganz Neues. Und es funktioniert.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung