Inge liebt Karl und ist noch verheiratet mit Werner. Sie ringt mit sich, ob sie die neue Liebe in ihrem Leben dem Ehepartner beichten soll – und tut es schließlich. Sie zieht zu Karl – und beschwört damit eine Katastrophe herauf. Ein Liebesdrama unter Senioren.
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| FILMKRITIK
Inge erlebt den zweiten Frühling im Herbst des Lebens. Sie ist total verknallt in Karl; der ist 76, sie selbst weit über 60 Jahre alt, und sie lebt seit 30 Jahren mit Werner zusammen. Nun aber sind da die Schmetterlinge in ihrem Bauch, ein Gefühl wie bei einem Mädchen in der Phase der allerersten Liebe durchströmt sie, und sie kann nichts dagegen tun.
Das ist der Grundkonflikt, um den sich alles dreht; eine einfache Geschichte, die kaum jucken würde, wären die handelnden Personen nicht allesamt jenseits der 60 – eine Liebesgeschichte mit Senioren, eine so heiße noch dazu: das hat Seltenheitswert. Hier sind ziemlich explizite Sexszenen zu sehen, die manchem jungen Schauspieler zu heftig wären, die aber doch nur ganz selbstverständlich die selbstverständlichste Sache der Welt zeigen, ohne Nacktheit, Sex und Erotik auszubeuten.
Konsequenterweise gibt es im Abspann keinen Drehbuchcredit, sondern nur einen für Storyentwicklung. Offenbar ist Andreas Dresen wieder sehr nah mit seinen Schauspielern an die Figuren herangegangen, hat in langen Proben und Improvisationen die Darsteller zur Deckungsgleichheit mit ihren Charakteren geführt. Das kann er wie kein anderer deutscher Regisseur, das Spiel nicht zu verleugnen, es aber lebensecht zu gestalten mit Figuren, die dreidimensional, ganz tief durchdacht sind. „Sommer vorm Balkon“ ist auf diese Weise zum Erfolg geworden, und ganz ähnlich geht er nun das Thema Liebe im Alter an. Mit scheinbarer Leichtigkeit, die sich aus der absoluten Sicherheit von Mise en Scène und Schauspielerführung wie auch Darstellung ergibt, und die doch nie die Schwere, ja Tragik des ganz alltäglichen Liebesdramas verheimlicht oder verharmlost.
Inge ist Näherin und hat sich in einen Kunden verguckt. Wie sie ihm zu Filmanfang eine geänderte Hose bringt, das zeigt in extrem nahen Aufnahmen die ganze Last des bisherigen langen Lebens auf ihren Schultern. Langsame, mühselige Bewegungen, alte Gesichter, alte Füße, alte Stimmen. Verhärmte, schlaffe, fleckige Haut – aber da hat sich schon unmerklich die Atmosphäre geändert hin zu einer unendlichen Zärtlichkeit, nicht nur zwischen Inge und Karl, die hingebungsvoll miteinander schlafen, sondern auch des Films – und des Zuschauers – zu seinen Figuren.
Die haben alle nicht mehr viel Lebenszeit vor sich, und das wissen sie. Deshalb stürzt sich Inge in eine heiße Affäre mit Karl, wehrt sich nicht gegen die neu entflammten Liebesgefühle. Und deshalb will Werner die Ehe konservieren, so, wie sie 30 Jahre bestanden hat. Und deshalb will Inge ihn nicht belügen, will nicht in Heimlichkeit leben – und beschwört so wieder Willen einen schweren Konflikt herauf.
Wie fein, wie genau die Figuren gezeichnet sind: Inge zwischen zwei Männern, gefangen in der Alltagsroutine, mit ihrem Bedürfnis nach Zärtlichkeit, nach Nähe, nach Lust und Sex. Werner, der so gerne Züge mag, der Schallplatten hört mit Eisenbahngeräuschen, der Sicherheit und Nähe schätzt, aber Leidenschaft kaum vermisst. Und gegen den Zugfan ist Karl, der Radfahrer, gesetzt, sanft und witzig, mit seinem pubertären Witz über vögelnde 80jährige. Zu dieser Altersfraktion wird auch er bald gehören.
| FAZIT
Eine sensibel erzählte Liebesgeschichte, eine ganz einfache Dreierkonstellation, wie sie häufig genug erzählt wird – aber mit Senioren, was eine ganz andere, neue, erfrischende und auf einer bestimmten, selten gezeigten Ebene tragische Perspektive gibt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung