Der junge, lebenslustige Bibliothekarin Inga (Anna Maria Mühe) lebt bei ihren Großeltern an der ostdeutschen See. Ihre Mutter ist im Meer ertrunken, so glaubt sie – bis eines Tages der Schriftsteller Robert (Ulrich Matthes) auftaucht. Von ihm erfährt sie, dass ihr Mutter (ebenfalls: A. M. Mühe) in den 1980ern den russischen Deserteur Juri versteckte und mit ihm in den Westen floh. Dabei ließ sie Inga zurück. Inga macht sich mit Robert quer durch Deutschland auf die Suche nach ihr. Doch Robert weiß mehr, als zugeben mag.
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| FILMKRITIK
In eindringlichen Bildern hat Regisseur Christian Schwochow die Suche einer jungen Frau nach der Vergangenheit und sich selbst inszeniert. Gemeinsam hat er das Buch mit seiner Mutter Heide geschrieben. Dabei sind einige allzu poetische Manieriertheiten „passiert“, vor allem in der Figur des Roberts, der als schriftstellernder Literaturprofessor Inga beobachtet und für ein neues Werk ausnutzt. Seine literarischen Beobachtungen und gesprochenen Notizen geraten bisweilen gespreizter als es dem Film in seiner ohnehin trübe-sinnigen, wiewohl packende Atmosphäre guttut.
Doch es sind zum einen die Darsteller, die den Film in der Hinsicht aufrecht erhalten, so Ulrich Matthes als Robert, mehr aber noch eine wunderbare Anna Maria Mühe. Am Anfang noch springt sie nackig und voller Lebenslust ins kalte Wasser, eine Frau, der die Kälte der Provinz nichts anhaben kann, im Gegenteil. Doch mehr und mehr entdeckt sie Lügen, gefriert ihre Welt immer mehr, und Mühe bringt diesen Prozesse beeindruckend auf die Leinwand: wie Inga kälter und spröder wird, ihre Seele erste Risse bekommt.
Dass der Film, zum anderen, in der Mitte und gegen Ende bisweilen nicht vom Fleck zu kommen scheint, schadet nichts – im Gegenteil: Schwochow nutzt seine „November“-Zeit mit ihren winterlichen Landschaften und kalten Farben, um das Innenleben der Figuren erst zu kontrastieren, dann aber diese Eisigkeit immer mehr eindringen zu lassen. Die Jahreszeit wird hier mehr als simple Dreingabe. Handlung braucht es dazu fast keine.
Dass schließlich noch als Rückblende der Mutters Schicksal parallel erzählt wird, das lockert den Film ohnehin auf, reißt ihn jedoch auch ein wenig aus seiner Stringenz. Bei all seiner Ruhe und der existentialistischen Unbehaustheit bleiben die politischen und geschichtlichen Dimensionen nur Anhang. Auch spielen die konkreten Motivationen und Ziele der Figuren – Ingas Muttersuche und Roberts „Story“ – irgendwann keine wirklich Rolle mehr, ebenso wie das was das wie gelöst wird, merkwürdig indifferent bleibt.
Vielleicht muss das aber konsequenterweise so sein (zumindest stört es nicht allzusehr), damit „Novemberkind“ mit seinen reichhaltigen, vielschichtigen Winterfacetten ein Film ergeben kann, dessen Stimmung wie Raureif haften bleibt.
Zumindest beim Publikum des Max Ophüls Preises, das dem Film dieses Jahr den Zuschauerpreis zusprach.
| FAZIT
Winterlich-sprödes Drama um eine Frau auf Identitätssuche, das sich bisweilen schleppt und bei einigen Verkünstlichungen mit einer großartigen Hauptdarstellerin und eindringlicher Stimmung packt.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung