Dokumentarfilm des Journalisten Gerald Koll, der den rund 1.300 km langen Pilgerpfad „Hachijuhakkasho“ auf der japanischen Insel Shokoku abwandert. 88 Tempel liegen auf dem Weg – dazwischen viel Fremdartiges, aber auch Erhabenes und Allzumenschliches für die Augen des Pilgers aus Deutschland.
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| FILMKRITIK
Auf den ersten Blick ist Kolls kleiner Film zunächst nichts mehr als ein „Urlaubsvideo“, mit dem er seine Reise dokumentiert. Doch das ist zum einen der große Reiz dieser Pilgerreise, zum anderen täuscht es. Koll weiß mit seiner Kamera umzugehen, und selbst die nichtssagenden, beiläufigen oder scheinbar verunglückten Aufnahmen sind von jener Eleganz, Gewitztheit, Schönheit oder schlicht der Unmittelbarkeit, die jeder „großen“, distanzierten Reportage abgehen muss.
Hinzu kommen der Schnitt, die Auswahl und Montage der Bilder, aber auch Kolls bisweilen nachdenklichen bis selbstironischen Kommentare. Er selbst nimmt sich auf dieser spirituellen Wandertour als Beobachter war, reflektiert über den eigentlich unglücklichen Zustand, nichts ganz zu sein, sondern: halb Pilger, halb (Eigen-) Dokumentarist. Das geht einmal leider soweit (oder: zu weit), dass er ein Beziehungsgespräch mit seiner Freundin am Handy mitfilmt.
Ansonsten aber besticht der Film mit ungeplanten, glücklichen Momenten voller Humor und der erhellende Verwirrung des Fremden. Minutenlang blickt man aus einem anderen Raum auf einen Ausschnitt des Abendessens in der Herberge, auf Kolls Rücken, der seine liebe Not mit der fremden Sprache hat. Nur „Danke schön“ und „Socken-Maschine“ kennen die Reisebekanntschaften. Kolls Kummer, dass die Japaner „nicht mit Untertiteln“ sprechen, durchzieht den ganzen Film, wird aber nicht zum permanenten Kalauer, weil es – so zeigt „88 – pilgern auf japanisch“ liebenswert – letztlich doch auch irgendwie so geht.
Der Film gerinnt letztlich zu einer runden Mischung aus Landeskunde und unbedarfter ‑erkundung, Ausflug in die exotische Welt und Geschichte des Hachijuhakkasho, des Shingon-Buddhismus mitsamt dem freundlich staunenden, unwissenden und mitunter hilflosen Schauen eines Touristen mit „langer Nase“. Ein bisschen „Lost in Translation“, ein bisschen „Blair Witch Projekt“ im Reiseprogramm.
Wie es dem Deutschen angesichts der vielen Hakenkreuze als heilige Symbole mulmig wird, die Ritualisierung des Pilgerns mit Büchlein, Sutren und „Uniform“ oder die Steingötter, denen man Papierlätzchen umbindet und Strickmützen aufsetzt – all das präsentiert Koll, jedoch auch die Vermarktung und Pauschaltouristik des Weges.
Zugleich sind da aber überraschende Momente der Gastfreundschaft, wenn er, zum Beispiel, in einer Art gemauertem Bushäuschen für die Wandersleut’ nächtigt und am nächsten Morgen unversehens eine Frau ihm ein Frühstückstablett vorbeibringt. Keine große Worte, einfach so.
Koll verfällt darüber nie einer falschen Pilgerromantik, und wer will, kann ein wenig „Sich-lustig-Machen“ z.B. im Abfilmen der Deutschstunde im TV und andere Sonderlichkeiten ausmachen.
Dann aber wieder wundert Koll sich, wohin der siebte Tempel auf seiner Reise (und von seinen Videoaufnahmen) „verschwunden“ ist, erkennt sich als ebenso exotisch für die Japaner, wie sie für ihn sind, beklagt das Rammdösig-Machen des tristen Latschens im Wald wie er über das Pilgern per Bus und Auto den Kopf schüttelt.
Und trotzdem – oder gerade deshalb - finden sind die echten Momente des Erhabenen, die den Film zu einer wunderbar unaufgeregten, wirklichen Reise machen, weil sie „einfach so“ Hand in Hand gehen mit dem Banalen, dem Allzumenschlichen, angesichts dessen Koll – auch das schlicht sympathisch – es letztlich auch nicht besser zu wissen vorgibt.
Mag auch so viel fremd und unverständlich scheinen, skurril, pittoresk – vielleicht muss man sich einfach nur mal drauf einlassen, ohne kulturelle Verortung, ohne verstandesmäßiges Begreifen. So Koll, der es versucht und plötzlich das Blühen der Kirschbäume „versteht“. Jedenfalls ein bisschen. Weisheit und Achselzucken fallen hier wunderbar zusammen, und ob deutsch oder japanisch oder sonst eine Nationalität wird darüber glatt egal.
„Henro boke“ - diesem Begriff forscht Koll die ganze Reise hinterher. Eine Art erleuchteter Zustand beim Pilgern soll das bezeichnen. Doch keiner, den er unterwegs fragt, weiß mit dem Begriff etwas anzufangen. „Henro was?“ Zuletzt aber, so heißt es, sei „boke“ so etwas wie „ein Narr“.
„88 – pilgern auf japanisch“ zeigt selten eingängig und leichthin, dass Erleuchtung und Unfug irgendwie nicht ohneeinander zu haben sind. Die beste buddhistische Lektion der Gleichmut.
| FAZIT
Vergnügte, persönliche Reisedoku über die Wanderung auf dem japanischen Pilgerpfad, die – mal staunend, mal ironisch – das Erhabene und Kuriose im alltäglichen und spirituellen Japan entlang des Weges beobachtet und dabei die Subjektivität des eigenen Blickes nicht ausspart.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung