Zeichentrick,
Dokumentation
| Deutschland / Frankreich / Israel 2008
| INHALTSANGABE
Eines Nachts erzählt Boaz seinem Freund Ari von einem immer wiederkehrenden Alptraum, der im direkten Zusammenhang steht mit dem ersten Libanon-Krieg, in dem beide – Boaz und Ari – vor über 20 Jahren als junge Soldaten im Einsatz waren. Doch während Boaz genau weiß, was er in diesem Krieg durchlebt hat, kann sich Ari nicht im Geringsten an seine Zeit als Soldat erinnern. Jetzt wird er allerdings von der Vergangenheit eingeholt und auch ihm erscheint ein merkwürdiges Traumbild, das mit dem Krieg in irgendeiner Weise zusammenhängen muss.
In diesem kleinen Stück Erinnerung tauchen auch zwei alte Freunde auf, die damals gemeinsam mit ihm im Einsatz waren und so macht sich Ari auf die Suche, seine verlorenen Erinnerungen wiederzufinden. Er besucht seine alten Kameraden, die ihm bruchstückhaft vom Krieg erzählen können. Doch an eines kann sich niemand von ihnen wirklich erinnern. Der Tag, an dem in den Flüchtlingslagern von Sabra und Shatila zwischen 500 und 3000 Palästinenser (die Zahlen schwanken diesbezüglich) von der christlichen Phalange-Miliz unter Duldung der israelischen Armee ermordet wurden.
Also sucht Ari weiter nach Antworten. Er trifft sich mit Soldaten, die damals vor Ort waren, mit einem ehemaligen Kriegsberichterstatter und auch mit einer Psychologin, die ihm erklärt, was seine Traumbilder für eine eigentliche Bedeutung haben könnten. Und plötzlich wird Ari klar, dass er ganz genau weiß, wo er war, als das Massaker stattfand und er weiß auch, warum er genau diese Erinnerung so lange verdrängt hat.
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| FILMKRITIK
"Waltz with Bashir" ist in seiner Form einzigartig. Denn es handelt sich hier um einen animierten Dokumentarfilm in Spielfilmlänge. Hauptfigur Ari und Filmregisseur Ari Folman sind ein und dieselbe Person. Im Alter von 19 Jahren war Folman Sergeant in der Infanterie der Israelischen Armee und in dieser Stellung am ersten Libanon-Krieg beteiligt. Der Film ist also der ganz reale Versuch, verlorene Erinnerungen an diese Zeit wiederzufinden und sie – durch die Animation – sichtbar zu machen. Und so verschmelzen hier Alpträume, Erinnerungen und die Suche nach Wahrheit zu einem neuen Ganzen, wie man es bislang noch nie gesehen hat.
Für seine persönliche Reise in die Vergangenheit findet Folman eine ganz eigene Form. In einer Mischung aus Flash-Animation, klassischer Animation und 3D-Animation werden die Interviewsequenzen collagenhaft mit (Alp-)Traumvisionen und Erinnerungs-Bruchstücken zusammengefügt. Auch der Tonebene kommt ein hoher Stellenwert zu, hier insbesondere der Musik. Sie zieht sich tranceartig durch den Film und entwickelt stellenweise – in ihrem Zusammenwirken mit den ästhetisch eindrücklichen Bildern – eine regelrechte Sogwirkung. Unterstützt wird das durch den dramaturgischen Aufbau des Films, der sein Kernstück – das Massaker von Sabra und Shatila – immer weiter einkreist, bis sich dieser Teil der Vergangenheit in seinem ganzen Schrecken zeigt.
Ein Real-Dokumentarfilm hätte diese beeindruckende Wirkung wohl kaum gehabt. Dadurch dass Folman den Film animiert, kann er den unmittelbar erlebten und persönlichen Schrecken einfangen, wie er ihn erinnert. Denn – und auch das wird betont – Erinnerungen sind formbar und entsprechen nie zu hundert Prozent dem tatsächlichen Geschehen. Vergangenheit und Gegenwart können durch Animation des gesamten Films miteinander verschmolzen werden, ohne dass die vergangene Zeit, die dazwischen liegt, in den Vordergrund rückt. Das verleiht dem Film auch den Charakter eines Spielfilms, ohne an Glaubwürdigkeit einzubüßen.
Regisseur Folman hat aus seiner eigenen Verstörung heraus in einem kreativen Prozess etwas Neues geschaffen, das dazu dient, Verdrängtes zurück an die Oberfläche zu holen, um der Wahrheit die Chance zu geben, sich zu zeigen und ins Bewusstsein der Zuschauer zurückzukehren. Im Speziellen – also das Massaker von Sabra und Shatila betreffend – stellt Folman die Schuldfrage: an sich und an seinen Staat. Im Allgemeinen ist "Waltz with Bashir" ein gut funktionierender Anti-Kriegsfilm.
In wenigen, ebenso abschreckenden wie erhellenden Bildern, gelingt es Folman, das ganze Ausmaß der Unmenschlichkeit eines Krieges zu offenbaren. Etwa wenn er Soldaten zeigt, die wild auf unbekannte Ziele schießen, nur um ihre eigene Angst zu besiegen. Dass sie dabei auch Zivilisten töten nehmen sie aufgrund des traumatischen Stresses der Situation gar nicht richtig wahr. Mindestens genauso beeindruckend ist aber der immer wieder durchscheinende Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit. Und so hofft Folman vielleicht nicht ganz unbegründet, dass sich zukünftige Generationen – wenn sie vor die Wahl gestellt werden – gegen einen Krieg entscheiden werden.
| FAZIT
"Waltz with Bashir" ist ein wirklich beeindruckender und in seiner Machart einzigartiger Film, den man auf keinen Fall verpassen sollte.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung