Sonntag | 27. Mai 2012 | 14:23 Uhr
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  • FILM REVIEW | Im Winter ein Jahr
  • Im Winter ein Jahr

    Drama | Deutschland 2008
  • | INHALTSANGABE

  • Vor einem Jahr hat sich Alexander Winter das Leben genommen. Mutter Eliane kann den Verlust nicht verwinden und schon gar nicht verstehen. Jetzt bittet sie den Maler Max Hollander, ein Doppelporträt des Toten mit seiner Schwester Lilli zu malen – die ist recht widerwillig, weil sie selbst mit ihrer Trauer und mit dem ständigen Konflikt mit der Mutter umgehen muss.

    Doch in den Gesprächen mit dem Maler erkennt Lilli sich selbst immer besser; lernt ihre eigenen Stärken und Schwächen einzuschätzen. Wie auch der Maler ein bisschen sein eigenes Leben auf die Reihe kriegt. Durch das Bild, das entsteht, kann sich jeder ein bisschen mit dem versöhnen, was geschehen ist; und sich selbst und die anderen ein bisschen mehr annehmen.
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      • | FILMKRITIK

      • Im Winter ist es ein Jahr her, dass sich Alexander Richter umgebracht hat. Was seine Mutter Eliane noch immer als Jagdunfall ummäntelt. Zunächst auch gegenüber dem Maler Max Hollander, der ein Doppelporträt malen soll, vom toten Alex und der sehr lebendigen Schwester Lilli.

        Das ist der Ausgangspunkt in Caroline Links neuem Film, dem ersten seit sieben Jahren; seit dem Oscar-Gewinn für „Nirgendwo in Afrika“. Aus dieser Situation entwickelt sich alles; weniger als Filmhandlung denn als Personenentwicklung; weniger als zeitliches Voranschreiten denn als räumliches Einander-Umkreisen und Sich-Gegenseitig-Annähern. Und das ist eine Kunst, die Caroline Link beherrscht: aus den Bildern auf die Personen zu reflektieren, die Charaktere aufeinander einwirken zu lassen, ihnen und dem Film Zeit zu geben, um aufzugehen, um sich zu entfalten.

        Die Familie Richter ist wie ein Tretboot, heißt es einmal; oben, auf der Wasseroberfläche, gleitet es ruhig dahin, aber wenn man von unten guckt, dann sieht man, wie sich alle abstrampeln. Bei den Richters ist die Familie am Zerbrechen, nachdem Monate zuvor schon Alexander ganz für sich zerbrochen ist. Und dann kommt da dieser Impuls von außen: der Maler Hollander, der sich Lilli annähert, sich ihr annähern muss, um seine Kunst produzieren zu können; ein Auftragswerk, 20.000 Euro, große Leinwand; das Gesicht, die Haltung des toten Alex erfährt er dabei aus Fotos und Videos. So entsteht im Lauf des Films das Gemälde, auch wenn Lilli zunächst widerspenstig und lustlos ist, auch wenn ihre Mutter sehr genaue Vorstellungen davon hat, wie es später aussehen soll; ohne Rücksicht auf den Charakter ihres Sohnes, ihrer Tochter oder des Malers, sondern als Abbild ihres eigenen idealisierenden Seelenblicks.

        Mit dem Porträt ändern sich die Charaktere. Es ist, als ob der Stillstand, der in der Familie und in den zwischenmenschlichen Beziehungen herrscht, auch in den erstarrten Seelen der Trauernden, als ob dieser Zustand des Steckengebliebenseins sich allmählich löse, je mehr Lilli und Alex auf die Leinwand gebannt werden. Auf der Lilli und Alex am Klavier, unbewegt, nur durch einen gespiegelten Blick verbunden, für immer eingefroren werden. Es geht, wie Link sagt, einerseits um Familie, aber auch um die heilsame Kraft von Kunst.

        Natürlich helfen hier die hervorragenden Darsteller, die ganz minimal spielen und dabei größtmöglich wirken: Karoline Herfurth, die Schöne und Zerbrechliche, die stark und schwach zugleich ist. Corinna Harfouch, die sich hart gibt, wo sie viel lieber Liebe geben würde. Und Sepp Bierbichler, der in sich zu ruhen scheint und in dem es doch brodelt.

        Bei all dem nimmt sich Link Zeit, hat auch stets den Blick für das Leben außerhalb der Kreise, die ihre Figuren ziehen. Erzählt eine längere Episode von einer verunglückten Liebesgeschichte Lillis, die deren inneren Defizite subtil offenbart, die unter der kühlen, schönen, beherrschten, mitunter bockigen Oberfläche liegen. Erzählt von Max und dem Nicht-Verhältnis zu seinem Sohn. Erzählt von der Anbetung der Mutter für den Toten – und wie sie damit für den Rest der Familie verloren geht. Dadurch drohen dem Film Längen, und tatsächlich gibt es einige Szenen, die zwar nicht gänzlich weggeschnitten, aber gekürzt hätten werden können; es hätte dem Erzählfluss, der Dynamik der Charakterbeschreibungen gut getan.

        Wofür Caroline Link wirklich ein Gespür hat, das sind die Geheimnisse, die ihre Figuren bergen. Die sie andeutet, aber nicht auflöst. So dass sich am Ende keine vollständige, glatte (Er)Lösung ergibt, so dass die Figuren in ihrer Entwicklung nicht völlig dem Zuschauer entblößt daliegen, sondern noch genügend Eigenständigkeit wahren, um noch lebendig zu sein.

        Ist Max schwul oder nicht? Er weiß es selbst nicht und findet es auch nicht heraus. Hat Lillis Vater, von Eliane entfremdet, ein Verhältnis mit seiner Assistentin? Oder sind die Blickwechsel zwischen ihnen gar nicht so bedeutungsvoll wie sie scheinen? Und warum hat sich Alex nun tatsächlich umgebracht? Man kann nicht nach dem einen Grund suchen, sagt Max. Und malt etwas ganz anderes als das Bestellte, das aber sehr viel weitgreifender ist als die Vergangenheit und damit die Trauer zu konservieren.
      • | FAZIT

      • Hervorragende Darsteller in einem einfühlsamen Familiendrama, das gleichwohl einige Längen hat.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 5.0/10 (1 vote)

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