1959. Beim Autoscooter lernt Lulu Jimi kennen und lieben. Das Problem: er ist ein Schwarzer, und sie ist die Tochter der wirtschaftswunderreichen Familie Bertel, ihre dominante Mutter hat die Hochzeit mit dem Fabrikantensohn Ernst Albrecht schon arrangiert. Doch Lulu will ausbrechen aus dieser einengenden Gesellschaft – daraufhin schaltet die Mutter Dr. von Oppeln ein, der mit Spritzen und Hypnose ihre Lebensgier austreiben soll. Wie er es auch schon bei ihrem Vater getan hat, der nun nur noch zuhause rumhängt, früher aber ein ganz Wilder war.
Nachdem Jimi Lulus Bruder bei einer Schlägerei um sie zu Boden gehauen hat, weshalb der nun im Rollstuhl sitzt, hauen Lulu und Jimi ab. Ohne Geld, aber mit einer Schiffspassage nach Amerika. Die Mutter hetzt ihren Chauffeur und Liebhaber Schultz hinterher. Der wiederum heuert den Stalingradveteranen Harry Hass an: Lulu und Jimi müssen sich doch irgendwie unterkriegen lassen.
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| FILMKRITIK
Die Damen und Herren Kritikerkollegen ließen im Gespräch nach der Pressevorführung an diesem Film kein gutes Haar. Nicht witzig, verkrampft, Verschwendung von Filmförderungs-Steuergeldern sei er. Aber: die KollegInnen haben unrecht. Weil sie Oskar Roehlers neues Fantasie-Stück schlicht nicht verstanden haben.
Es gibt in Deutschland viele Postmodernisten unter den Regisseuren. Filmemacher, die Gesehenes, medial Vermitteltes wiederkäuen und auf die Leinwand ausspucken. Das Problem ist zumeist, dass diese Regisseure nichts von ihrem Postmodernismus wissen; dass sie ernsthaft sind und an die Originalität ihrer Werke glauben. Roehler ist einer der letzten, die wirklich ironisch sein können und dabei keinen Krampf abliefern (wie es bei Til Schweiger regelmäßig der Fall ist, der ja so gern amerikanisch-postmodern wäre. Oh, und da könnte ich auch noch herziehen über Roehlers letzten Film „Elementarteilchen“, der wohl deshalb gescheitert ist, weil Bernd Eichinger, der Produzent – der auch auf dem Drehbuch draufsaß, wie er auf jedem seiner Filme draufsitzt [so hat es Roland Klick mal formuliert] – weil dieser Eichinger genau die entgegengesetzte Herangehensweise, nämlich die der Ernsthaftigkeit, hat.)
Roehler erzählt hier jedenfalls eine „Wild at Heart“-Variante, nur witziger. Sozusagen die post-postmoderne Annäherung an David Lynchs postmoderne Welt. Die Geschichte einer wilden Liebe, der verbotenen Liebe einer reichen Deutschen und eines Negers, einer Liebe auf der Flucht, einer Liebe, die gewalttätig unterdrückt werden soll. Die Mutter, die Unterdrückerin, hat schon ihren Mann untergekriegt, hat aus dem früheren Hallodri ein gebrochenes Stück Gemüse gemacht – er hat sich, Lulu erinnert sich genau, selbst kastrieren müssen…
Einer dieser grotesk-drastischen Momente, die eigentlich klar machen müssten, wes Geistes Kind dieser Film ist, und als welcher Geist er selbst rumspukt. Auch der Einsatz Udo Kiers als sinistrer Chauffeur deutet darauf hin: Schlingensief, auch einer der bewussten Postmodernisten, war Anfang der 90er Ziehvater von Roehler; Kier ein Stammschauspieler bei Schlingensief. Und klar: wo Kier draufsteht, ist Trash drin. Und zwar wunderbarer Trash.
Dazu wählt Rohler eine ganz überdrehte Herangehensweise; mit einer französischen Hauptdarstellerin, einem englischen Hauptdarsteller, die auch noch schlecht synchronisiert sind, erzählt er eine amerikanisch anmutende Geschichte im Deutschland der Wirtschaftswunderjahre. Mit viel Pop und Rock’n’Roll und mit ständigen Zitateinsprengseln: ein Klappmesser wird gezückt wie bei Jimmy Dean, eine Rock’n’Roll-Band spielt „Train Kept a-Rolling“ wie die Yardbirds in „Blow Up“. Jimi wird natürlich wie Hendrix geschrieben – und die Namen der Bösen in diesem Film erinnern an die, die in Deutschland zum plutokratischen Establishment gehören: bei Familie Bertel fehlt nur der Zusatz „smann“, Ernst Albrecht gemahnt nicht nur an einen gewissen Adelsspross, sondern auch an superreiche Discounter-Brüder, und Dr. von Oppeln… naja, is ja klar.
Jimi und Lulu, die im wahrsten Sinne unsterblich ineinander verliebt sind, provozieren damit die bundesrepublikanische Wirtschaftswachstumsgesellschaft. Eine Gesellschaft, wie es sie in Wirklichkeit so nie gab: mit goldenen Telefonen und rosa Pudeln und zuviel verschmierter Schminke im Gesicht der Mutter, mit einem Fabrikantensohn ganz in Karo, und zwar lila und grün – Bastian Pastewka passt mit seiner gekünstelten, unnatürlichen Spielweise, die so häufig stört, genau in diese überzogene Welt. Vor einer Schlägerei hält Jimi, der Neger, einen staatspolitischen Vortrag über den Wert demokratischer Rechte, die sich die Deutschen so mühsam erarbeitet haben. Singt dann für Lulu „Stand By Me“. Und steht damit für das Gute, für die Liebe.
Auf der anderen Seite das absolut Böse: die Mutter, der Chauffeur, der gedungene Mörder Harry Hass, der Mad Scientist von Oppeln, der immer eine Spritze zur Hand hat und zu Telepathie und Hypnose greift – das Böse ist immer und überall.
Alle Elemente von Klischees über die 50er schmeißt Roehler zusammen, dazu Filmgeschichte von US-Jugenddrama bis zu deutschem Edgar Wallace; und schafft so die Basis der Ironie, die dafür sorgt, dass all das gar nicht so ernst ist – aber auch nicht als bloßer Klamauk verworfen werden kann. Vielmehr gerät der Film so zu einem Grad an Abstraktion, der den wahren Kern – jenseits der Ironie, des Spiels – enthüllt.
Es geht um den tiefen Hass, der zwischen den Menschen steht, zwischen den Generationen; um die zwanghafte Unterdrückung durch das Konservativ-Verbohrte. „Du hast viel Lebensgier in dir“, diagnostiziert von Oppeln an Lulu; Lebensgier, die gebrochen, die ausgetrieben werden muss. Und auf der anderen Seite der jugendliche Widerstand, der Wille zum Aufbruch, zur Liebe, zum eigenen Ich. Ein Wille, den Lulus Vater nicht hat durchsetzen können geben die Verkrustungen von 1000 Jahren. Gegen die nun Lulu und Jimi ankämpfen. Damit ist dies ein viel genauerer Film über die 68er-Generation, als es Baader-Meinhof und Uschis wildes Leben je sein könnten.
Weil man beim Blick leicht neben das grelle Objekt der Geschichte oft besser sehen kann, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält. Oscar Roehler dazu: „Die 50er waren eine Zeit, die von echten tragischen Kräften beseelt war, oft belastet von fürchterlich festgefahrenen familiär-politischen Konstellationen. Und die daraus folgenden Kämpfe gegen die Gesellschaft waren vollkommen anarchistisch und noch frei vom politischen Bewusstsein und Handeln der späteren 68er – einfach nur aus dem Herzen, diesem wilden Lebensgefühl heraus.“
| FAZIT
Eine kraftvoll-bunte, popspektakelhafte, durch und durch ironische Liebesgeschichte in den 50ern, angesiedelt irgendwo zwischen David Lynch und Christoph Schlingensief.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung