Nach dem Tod der Mutter müssen Frédéric, Jérémie und Adrienne entscheiden, was mit dem Haus der Familie und mit den vielen Kunst- und Designobjekten darin geschehen soll. Frédéric hängt an dem Besitz – er ist freilich auch der einzige, der noch in Paris lebt, die anderen hat es nach New York und Shanghai verschlagen.
Man beschließt, zu verkaufen – was Frédéric Bauchschmerzen bereitet. Doch das Leben geht weiter, und die Geschwister driften räumlich immer weiter auseinander; und das Musée d’Orsay meldet Interesse an den Kunstgegenständen an.
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| FILMKRITIK
Zum Jubiläumstag des 20jährigen Bestehens wollte das Pariser Musée d’Orsay sich vier Kurzfilme von vier renommierten Filmemachern gönnen; doch das Kultusministerium lehnte das Vorhaben ab, nicht ganz zu unrecht: Filmproduktion gehört natürlich nicht zu den Hauptaufgaben eines Museums, das sich der Design- und Objektkunst der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widmet.
Dennoch ist das Projekt nicht ganz gestorben: der südkoreanische Regisseur Hou Hsiao-Hsien ebenso wie Olivier Assayas spürten, dass in ihren Stoffen der Spielfilm, nicht nur der Kurzfilm steckt; und beide begannen zu drehen. In beiden Filmen spielt Juliette Binoche mit: in „Le Voyage du ballon rouge“ (2007) und in „L’Heure d’été“ von Assayas.
Die Kunstgegenstände, die das Musée d’Orsay freundlich zur Verfügung stellte, sind ein elementarer Bestandteil von Assayas’ Film: Vasen, Gemälde, ein Porzellanservice, Schreibtisch, Vitrine und so weiter. Mindestens ebenso wichtig ist ein Haus, nördlich von Paris gelegen, das Assayas nach langer Locationsuche schließlich fand – „Wenn ich dieses Haus nicht gefunden hätte, wäre der Film nicht entstanden.“ Ein weitläufiges Landhaus in einem Naturgarten, in dem früher schon die Impressionisten ihre Bilder malten, unter anderem Van Gogh. Das jetzt, im Film, der Mittelpunkt einer Familie ist, das Haus der Kindheit von Frédéric, Jérémie und Adrienne, das Haus, wo die Mutter Helene bis zu ihrem Tod lebte, wo die Kinder spielen. Das Haus, das Erinnerung birgt und Kunstschätze und Geheimnisse und Familienglück.
Das Haus, das nach dem Tod der Mutter verkauft werden muss.
Die Familie ist verstreut in alle Winde: Adrienne ist Designerin in New York, Jérémie ist Schuhfabrikant in China. Nur Frédéric ist in Paris geblieben, Professor und Wirtschaftswissenschaftler; so hängt er am meisten an dem Haus, auch natürlich wegen der räumlichen Nähe. Größtenteils auf ihn konzentriert sich Assayas: denn Frédéric muss miterleben, wie alles den Bach runtergeht.
Helene, die Mutter, war der Bezugspunkt zu dem Haus, hier, bei ihr, haben regelmäßig Familienfeiern stattgefunden, hier ist die Familie als Gemeinschaft zusammengekommen. Der emotionale Bezug zu den Familienmitgliedern hat sich auf das Haus übertragen, zumindest und ganz stark für Frédéric – doch Adrienne und Jérémie leben im Ausland, das gemeinsam geerbte Haus mit all seinen Kunst- und Designschätzen ist nicht zu halten… Assayas hat diesen Zusammenbruch von emotionalen Kindheitserinnerungen, die eben vielleicht doch nur illusionär waren, den Ausverkauf ans Museum inszeniert als unaufhaltsamen Sog, in den die Familie gerät. Nichts Existentielles – aber dennoch mit dem steten Gefühl, etwas unwiederbringlich verloren zu haben. Und es ist zunächst auch kein Trost, dass die vertrauten Gegenstände im Musée d’Orsay ein zweites Leben haben werden, ihren Altersruhestand.
Assayas Grundprinzip ist dabei die Hast: trotz unverbrüchlicher geschwisterlicher Liebe passiert eine Menge lediglich zwischen Tür und Angel – und vieles Wichtige, der Tod von Helene zum Beispiel, ist durch Schwarzblenden, die in die Aktion einer Szene hineinragen, ersetzt; es geschieht im Dunkeln. Dann wieder eilt Frédéric ins Rundfunkstudio für ein Interview, später zur Polizei wegen einer kleinen Randepisode um die stehlende und kiffende Tochter; Adrienne verabschiedet sich schnellschnell von den Geschwistern, für eine lange Zeit wird sie wegsein, man wird sich lange nicht wiedersehen – aber ihr Taxi wartet. Und die Entscheidung über den Verkauf des Hauses wird zwischen den Geschwistern besprochen beim Tischdecken…
Ein zweites, geschicktes Inszenierungsmotiv spielt hier hinein: Assayas spielt mit der Figurenperspektive, lässt sich immer wieder ein auf die Sicht einer anderen, unbeteiligten Person auf das Geschehen. Auch auf das emotionale Geschehen, von außen betrachtet: als der Verkauf des Hauses beschlossen, der Tisch gedeckt ist und Frédéric verschwunden, folgt die Kamera plötzlich dessen Frau, die sich von der Küche aus auf die Suche macht, nicht dringend und drängend, einfach so; und ihn in einem dunklen Zimmer findet, wo er leugnet, geweint zu haben… Später verfolgt Assayas die Ankunft von Eloise, der alten Haushälterin, zum Familienhaus. Dort, wo gerade die Sachverständigen die Kunstwerke begutachten; auch für sie geht ein Lebensabschnitt zuende.
Am Ende hat Frédéric sogar akzeptiert, dass die Corot-Gemälde, die er so gerne behalten hätte, verkauft wurden. Und wieder rückt jemand anderes in den Mittelpunkt, seine Teenager-Tochter, die kurz vor dem Verkauf im Haus noch eine Party schmeißt. Und auf seltsame Weise eine Traurigkeit verspürt, den Verlust von etwas Wichtigem. Von Erinnerung vielleicht, oder von Kindheit.
| FAZIT
Ein Familienfilm über das, was übrigbleibt, wenn man sich verabschieden muss: von der toten Mutter und von den Geschwistern, die sich in alle Welt verstreut haben.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
Gesamtwertung:
Autor: Harald Mühlbeyer
| FILMPLAKAT
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