Drama,
Literaturverfilmung
| Deutschland / USA 2008
| INHALTSANGABE
Der Jugendliche Michael Berg wächst auf im zerstörten und traumatisierten Nachkriegsdeutschland. Seine müden Eltern versuchen ihn in ihr Regelwerk zu zwängen, sichtbar ohne Erfolg. Michael ist ein unauffälliger Junge, ein guter Schüler und vor allem ein Kind, das dem Krieg knapp entkommen ist, dessen Nachwirkungen aber unmittelbar miterlebt. Michaels Leben erfährt eine schicksalhafte Wendung als er eines Tages in der Trambahn zusammenbricht. Mit letzter Kraft schleppt er sich in einen Hauseingang, wo ihm von der resoluten Trambahnschaffnerin Hanna Schmitz geholfen wird.
Später begibt er sich erneut zu Hanna, um sich für ihre Hilfe zu bedanken. Dabei weckt die zwar wesentlich ältere doch überaus anziehende Frau Michaels Interesse. Hanna lässt sich auf seine Avancen ein und für beide beginnt eine leidenschaftliche Affäre. Während ihrer Treffen stellt sich bald eine feste Routine ein: Bevor Hanna sich auf Sex einlässt, muss Michael ihr vorlesen. Ihre gemeinsame Zeit währt allerdings nur einen Sommer lang, denn eines Tages ist Hanna spurlos verschwunden.
Jahre später trifft Michael – der nun Jurastudent ist – sie wieder, in einem Gerichtssaal. Mit Schrecken stellt er fest, dass Hanna Schmitz während des Krieges für die SS als Aufseherin in einem Konzentrationslager gearbeitet hat und angeklagt wird, für den Tod Hunderter Frauen und Kinder verantwortlich zu sein. Hanna nimmt bereitwillig die Hauptschuld auf sich. Nur Michael weiß, dass sich hinter ihrer Aussage eine Lüge verbirgt. Nun steht er vor der Wahl: Verrät er Hannas Geheimnis und damit auch ihre gemeinsame Vergangenheit oder lässt er zu, dass Hanna den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen wird?
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| FILMKRITIK
Es kommt wahrhaft selten vor, dass man sich gezwungen fühlt, die ausdrückliche Empfehlung auszusprechen, einen Film NICHT in der Originalfassung zu schauen. Denn "Der Vorleser" verfügt über eine Besonderheit, die man so wohl nur selten zu sehen bekommt. Man stelle sich einen Film vor, gesprochen von Mitarbeitern der deutschen Bahn…auf Englisch. Nichts gegen deutschen Akzent in der englischen Sprache. Akzente sind für Muttersprachler meistens eher bezaubernd als irritierend, doch dieser Film wirft die drängende Frage auf, warum Regisseur Stephen Daldry ("Billy Elliot", "The Hours") den Film nicht einfach auf Deutsch gedreht hat?
Immerhin stammen bis auf wenige Ausnahmen sämtliche Schauspieler aus Deutschland. Die angeheuerten Zugpferde Ralph Fiennes und Kate Winslet hätten da durchaus mitziehen können. Denn Fiennes Dialoganteil ist nicht sehr ausgeprägt und Kate Winslet – die für ihre Rolle in "Der Vorleser" übrigens gerade mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde – hat sich einen derart entzückenden deutschen Akzent zugelegt, dass sie wohl auch mühelos auf Deutsch hätte drehen können.(Eine deutsche Hauptdarstellerin zu nehmen wäre eine weitere mögliche Variante gewesen.) Man wird außerdem das Gefühl nicht los, als konzentrierten sich die deutschen Darsteller derart intensiv auf die richtige Aussprache ihrer Dialoge, dass ihnen kaum Zeit für das Spiel selbst bleibt. Möglich, dass dieser Eindruck nur täuscht und in der deutschen Synchronfassung des Films ganz verschwindet.
Schon Stephen Spielberg versuchte sich mit "deutscher Vergangenheitsbewältigung" Das Ergebnis war "Schindlers Liste", ein Film mit beeindruckender Emotionalität, der aber in seiner etwas unpassenden Tränendrüsensymbolik einen eher schalen Nachgeschmack hinterließ. Im Vorleser geht es da schon wesentlich weniger emotional zu, abgesehen vom dauerhaften Selbstmitleid Michael Bergs, das den gesamten Film durchzieht. Visuell macht sich das vor allem in einem depressiv in die Ferne blickenden Ralph Fiennes bemerkbar.
Im Mittelpunkt stehen nicht die deutschen Kriegsverbrechen, sondern der Umgang mit ihnen im Nachkriegsdeutschland der fünfziger Jahre und die schicksalhafte Verknüpfung von Schuld, Sühne und Scham. Besonders letztere treibt hier bisweilen merkwürdige Blüten. So etwa schämt sich die naive und eigenartig unschuldig wirkende Hanna Schmitz nicht etwa dafür, hunderte Menschen in den Tod geschickt zu haben, sondern nur für ihre fehlende Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Während sie sich als Verbrecherin noch als Teil der Gesellschaft fühlt, käme sie sich als Analphabetin ausgestoßen vor.
Inhaltlich hält sich der Film nahezu vollständig an seine literarische Vorlage. Nur Kleinigkeiten wurden verändert, nichts was die Geschichte grundlegend verändern würde. Der Film dürfte –wie das Buch auch – was seinen Inhalt betrifft ebenso viele Befürworter wie scharfe Kritiker finden. So könnte zum Beispiel Michael Bergs abschließender Besuch bei einer KZ-Überlebenden negativ gedeutet werden. Ihre exklusive Wohnung und ihr ausgestellter Reichtum stehen in einem derart krassen Gegensatz zu Hannas karger Gefängniszelle, dass man sich nicht des Gefühls erwehren kann, es solle damit ausgedrückt werden, das Opfer von einst hätte seine gerechte Belohnung erhalten und der Täter seine gerechte Strafe. Wobei Hanna gleichzeitig diejenige zu sein scheint, die am wenigsten unter ihrer Tat leidet.
Im Film wie im Buch wird der Versuch unternommen, einen Täter aus der Zeit des Nationalsozialismus zu entmystifizieren. Dadurch dass mit der Figur der Hanna Schmitz eine Identifikationsfläche geschaffen wird, wird der Zuschauer gezwungen, sich verstärkt mit ihr und ihren Handlungen auseinanderzusetzen. Hannas reuelose Offenheit steht dabei in denkbar starkem Gegensatz zur schweigsamen Verbohrtheit ihrer Mitangeklagten.
Das visuelle Hauptaugenmerk des Films liegt auf der vielfachen Inszenierung von Wasser – dem im "Vorleser" eine ganz eigene Rolle zukommt, sowie auf der Darstellung des Lesens selbst.Was die Filmtechnik betrifft, ist "Der Vorleser" hochwertig inszeniert. Regisseur Stephen Daldry zieht alle Register seines Könnens. Zwar kann der Film im Endeffekt nicht vollständig überzeugen, doch immerhin lässt er genügend Fragen offen, dass Platz ist für zahlreiche Diskussionen. Und Kate Winslet bei der Ausübung ihres Berufes zuzuschauen lohnt sich allemal.
| FAZIT
"Der Vorleser" wird seine Befürworter und seine Kritiker finden. Während der Film technisch größtenteils überzeugen kann, werden sich an seinem Inhalt die Geister scheiden.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung