Am Tag vor seinem vierzigsten Geburtstag lernt der Versicherungsangestellte Harvey Milk in der New Yorker U-Bahn zufällig Scott Smith kennen. Das ist der Beginn einer großen Liebe und der Beginn einer großen Veränderung in Harveys Leben. Gemeinsam beschließen sie, einen neuen Anfang zu wagen. Sie ziehen nach San Franzisco und eröffnen in der Castro Street den Fotoladen "Castro Camera". Obwohl ihre Nachbarn der offen ausgelebten schwulen Beziehung Harvey Milks zunächst mit Skepsis gegenüberstehen, wird der Laden schnell zu einem Treffpunkt der Schwulenszene.
Mit fröhlichem Charakter und übersprudelndem Optimismus ausgestattet, wächst Harveys Beliebtheit im Viertel rasant. Und doch gehören brutale Polizeieinsätze und schwulenfeindliche Übergriffe nach wie vor zu seinem Alltag. Harvey Milk will sich das nicht länger gefallen lassen und beschließt, sich politisch zu engagieren und für einen Posten im Stadtrat zu kandidieren. Sein erster Versuch scheitert, doch von Aufgeben kann für ihn noch lange keine Rede sein.
"Castro Camera" wird immer mehr zu einem Wahlkampfbüro, angefüllt mit Harveys Freunden und Unterstützern. Gemeinsam engagieren sie sich für seine zweite Kandidatur für den Stadtrat sowie für seine Kandidatur für den Sitz in der kalifornischen State Assembly und unterstützen ihn in seinem Kampf gegen die zunehmend schwulenfeindliche Stimmung in konservativ-religiösen Kreisen des Landes. Leider mit mäßigem Erfolg, denn Harvey Milk muss eine Wahlniederlage nach der anderen einstecken.
Auch seine Beziehung zu Scott leidet mehr und mehr unter seinem politischen Engagement. Da Harvey sich weigert, seine politischen Ambitionen aufzugeben, zieht Scott seine Konsequenzen und verlässt ihn. Als es darum geht, sich gegen die Gesetzesinitiative "Proposition 6" aufzulehnen, nach der sämtliche homosexuellen Lehrer Kaliforniens aus dem Staatsdienst entlassen würden, beschließt Harvey, ein letztes Mal zu kandidieren – mit Erfolg. 1977 ist er der erste bekennende Schwule überhaupt, der in den Stadtrat gewählt wird.
Damit beginnt Harvey Milks eigentlicher Kampf. Mit Hilfe von Bürgermeister George Moscone setzt Milk im Stadtrat eine Antidiskriminierungsverordnung durch, sehr unter Missfallen seines Kollegen Dan White. Auf der Gay Freedom Party erhält Milk erste Morddrohungen und auch sein Privatleben leidet erneut unter seiner Arbeit. Als sich sein neuer Lebensgefährte Jack Lira in ihrer gemeinsamen Wohnung das Leben nimmt, verdüstert sich Harveys Stimmung zunehmend.
Einen letzten großen Erfolg feiert er durch die erfolgreiche Niederschlagung der Proposition 6. Am 27. November 1978 werden Harvey Milk und Bürgermeister Moscone von Stadtrat Dan White ermordet. Noch in der gleichen Nacht versammeln sich rund 30.000 Menschen, um in einem Schweigemarsch dem Mann zu gedenken, der forderte: "Reißt die Mauern ein, wir leben alle in derselben Welt."
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| FILMKRITIK
Gus Van Sants Biopic über den schwulen Bürgerrechtler Harvey Milk ist hochkarätig besetzte und von einem Meister seines Fachs inszenierte Zeitgeschichte. Van Sant beleuchtet dabei die letzten acht Jahre des Lebens Harvey Milks. Das Drehbuch von Dustin Lance Black basiert auf den Aussagen von Zeitzeugen, also Freunden, Bekannten und Helfern Harvey Milks. Desweiteren auf einer Tonbandaufnahmen, die der Aktivist und Politiker wenige Wochen vor seinem Tod anfertigte, im Bewusstsein, jederzeit Opfer eines Attentats werden zu können. Zusätzlich angereichert wurde der Film mit Archivmaterial. Gezeigt werden unter anderem Ausschnitte und Interviews aus Reden konservativ-christlicher Gegner der Gleichberechtigung von Homosexuellen. Insbesondere die Aussagen der christlichen Aktivistin Anita Bryant, deren kitschig verbrämte Reden zu Hass gegenüber
Schwulen und Lesben aufstacheln sollten, werden gezeigt und deren offensichtliche Absurdität deutlich gemacht.
Harvey Milk wird nicht zur Heldenfigur per se stilisiert. Im Film wird seine Persönlichkeit in all ihren Stärken und Schwächen präsentiert, so dass am Ende der Eindruck eines humorvollen, engagierten und mutigen aber auch chaotischen Mannes bleibt, der besonders in seinen Beziehungen mit allzu menschlichen Problemen zu kämpfen hat. Dem Film gelingt es, seine Figur nicht auf die Rolle eines Aktivisten für die Rechte Homosexueller zu reduzieren, sondern seinem Engagement eine weitergehende Dimension zu verleihen, die jeden Menschen betrifft. Denn Harvey Milk war in seinen politisch und sozial motivierten Ambitionen ein Vorkämpfer der Unterdrückten und Diskriminierten allgemein. In seinen Reden spricht er neben der schwul-lesbischen Community besonders auch Frauen, Schwarze, Behinderte oder Alte an. Er fordert sie dazu auf, die Hoffnung nicht aufzugeben und für ein gleichberechtigtes Leben innerhalb der Gemeinschaft zu kämpfen.
Wie wenig das Thema seit den 70er Jahren an Aktualität und Brisanz verloren hat und wie erschreckend wenig sich seit Harvey Milks Tod am Umgang mit Schwulen und Lesben geändert hat, wurde erst kürzlich in Kalifornien deutlich – dem Staat seines einstigen Wirkens. Nachdem dort Anfang 2008 die Homoehe gerade erst legalisiert worden war, wurde das Gesetz bereits wenige Monate später durch einen Volksentscheid wieder gekippt. Derzeit besitzen noch dreißig amerikanische Bundesstaaten einen Verfassungszusatz, der Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern verbietet.
Sean Penn fühlt sich in beeindruckender Weise in die Rolle des Harvey Milk ein. Er spielt die Hauptrolle mit einer Genauigkeit und einer Intensität, dass ihm eine Oscarnominierung für diesen Film gewiss sein dürfte. Das Loblied auf den überragenden Schauspieler Sean Penn soll jedoch nicht dazu verleiten, die Leistung des übrigen Casts von "Milk" zu schmälern. So brillieren hier Darsteller wie Emile Hirsch, James Franco, Diego Luna oder Josh Brolin in der Rolle Dan Whites. Ebenso wie die Rolle des Harvey Milk ist auch die Rolle seines Widersachers und Mörders sehr komplex gestaltet. Hier zeigt sich kein plump dämonisierter Bösewicht, sondern eine zwiegespaltene und gebrochene Persönlichkeit. Tatsächlich nahm sich Dan White 1985 – wenige Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis – das Leben.
| FAZIT
"Milk" ist ein sehr gelungenes und von einem Meister seines Fachs inszeniertes Zeitdokument, das neben einer schillernden Hauptfigur auch mit einem großartigen Drehbuch und mit einem oscarwürdigen Sean Penn in der Titelrolle aufwarten kann.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung