Sonntag | 27. Mai 2012 | 20:42 Uhr
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  • FILM REVIEW | Der Knochenmann
  • Der Knochenmann

    Thriller, Crime | Österreich 2009
  • | INHALTSANGABE

  • Der Brenner muss zum Löschenkohl fahren, einer Hendl-Station in der tiefsten Steiermark. Dort wohnt der Alexander Horvath, der die Leasingraten für seinen Beetle nicht bezahlt hat, die der Brenner eintreiben soll. Nur: Horvath ist verschwunden. Dafür verliebt sich Brenner in die Birgit, Schwiegertochter vom Löschenkohl. Und der Sohn vom Löschenkohl engagiert den Brenner, weil sein Alter eine Menge Geld aus der Geschäftskasse abzweigt. Und im Keller brummt die alte Knochenmehlmaschine, die die abgenagten Hühnerknochen zu Hühnerfutter recyclet. Dann mischen sich menschliche Knochen unter den Abfall. Und der Brenner merkt es erst gar nicht. Es passiert ein Unfall. Es passiert Liebe. Es passiert ein Maskenball. Und noch einiges mehr.
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      • | FILMKRITIK

      • Es ist wieder was passiert, und der Brenner ist dabei. Dabei weiß er nicht, was eigentlich passiert ist, und warum er dabeibleibt, das weiß er auch nicht. Nur dass die Köchin vom Löschenkohl fesch ist, das weiß er. Der Rest geht die meiste Zeit an ihm vorbei.

        Was ein großartiger Ansatzpunkt ist für eine Kriminalgeschichte: den Ermittler, also den Brenner, gar nicht ermitteln, sonder nur durch die Story stolpern zu lassen. Ohne dass er lächerlich gemacht würde. Denn er läuft ja nicht einfach ins Leere: er hockt einfach nur rum und merkt gar nichts von den Schrecklichkeiten um ihn herum. Auch später, als schon Leute verschwunden sind, hat er nichts in der Hand als einen Finger, einen abgetrennten. Und den lässt er dann im Handschuhfach liegen.

        Die Filme um Simon Brenner, erfunden von Wolf Haas, gespielt von Joseph Hader, inszeniert von Wolfgang Murnberger nach einem Drehbuch von allen dreien, sind erstklassig spannende Krimiware mit schlimmen Morden, verwickelten Geschichten, Gefahr und Bedrohung. Und sie sind in gewisser Weise Gegenentwürfe zum üblichen Krimikrams. Der Brenner ist nicht nur desillusioniert, er ist lethargisch; nicht nur lakonisch, sondern menschenscheu; kein stiller Beobachter, sondern ein lustloser. Nun, in der dritten Brenner-Verfilmung, hängt nicht nur Brenner lasch herum, auch der Täter verirrt sich in den eigenen Taten; denn für all seine Morde gibt es gar keinen Grund. Oder doch: wäre die Liebe nicht…

        Es ist ein bizarres Umfeld, in dem sich Brenner findet, eine hohe Autobrücke überm Tal, darunter eine Wirtshausimitation, wo am Fließband Hendl serviert werden, mitten im Nirgendwo. Ideal für Verkaufsveranstaltungen: Hier kann keiner weg, keiner entkommt ohne Rheumadecke. Im Keller steht die große Knochenmehlmaschine, in der die Geflügelreste zu neuem Hühnerfutter verarbeitet werden; ein kannibalischer Kreislauf, für den der Löschenkohl seine frische Hähnchenware wiederum etwas billiger bekommt. Manchmal mischen sich auch menschliche Knochen in die Maschine; dann bekommt das Wort Mahlzeit eine ganz neue Bedeutung. Speziell, wenn’s nachts leckeres Gulasch gibt.

        Da haben sie einige Horrorelemente eingebaut in ihren Film, wie ja jeder der bisherigen Brenner Filme einen ganz eigenen Genre-Touch bekommen hat; von der schwarzen Krimikomödie bei „Komm, süßer Tod“ bis zum Klerus-Thriller in „Silentium“.

        „Der Knochenmann“ wirkt dabei weniger dicht als seine Vorgänger, es gibt weniger Handlungsfäden, die kreuz und quer und doch immer kunstvoll geführt ineinander laufen könnten. Dafür wird der Liebesgeschichte Brenners viel Platz eingeräumt. Nur wenn er bei der Birgit ist, scheint er zu wissen, was er will, und seine zaghaften Flirts (sprich: Hundeblick) setzt er intensiv ein; freilich im Wissen um ihre wahrscheinliche Aussichtslosigkeit. Diese kleine Geschichte einer Zuneigung ist sehr schön ausgespielt zwischen Hader und Birgit Minichmayr. Und natürlich von der Drehbuchkonstruktion her nur ein Ablenkungsmanöver, wie so vieles im Film.

        Allerhand passiert um den Brenner rum, und manches läuft dabei schön schräg. Der eine beseitigt nachts eine unliebsame Zeugin, indem er sie mitsamt verunfalltem Auto in einen eiskalten Bach schiebt, der andere findet im Unfallwagen Erpressungsmaterial, das er gut brauchen kann, und der erste ist dann morgens der Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr, die den Wagen aus dem Wasser holt. Während der Erpresser mit seinem Belastungsmaterial gar nichts anfangen kann, weil er bei der Polizei seines ganzen Drohpotentials verlustig geht.

        Überhaupt ist es ein Film über die Dialektik des Handels, über die, die was tun – was dann aber immer böser wird – und über die, die rumgeschubst werden; das sind meist die mit den schnellen Autos, die Porschefahrer oder der Brenner, dem in der Kälte das Verdeck vom (geliehenen) Cabrio abfällt. Da beschattet der Sohn den Vater, verfolgt ihn mit dem Auto, und der dreht den Spieß um, fährt plötzlich hinterm Sohnemann, schiebt ihn in eine Schneewehe und lässt ihn sitzen. So sind die Familienverhältnisse auf dem Land, wo jeder jeden nur zu gut kennt und zuwenig leiden kann; wo eine frustrierte Ehefrau dem Brenner auch mal ein ganz, ganz kurzes Glück bescheren kann, weil’s ihr Mann nicht bringt; wo’s erst beim Maskenball, wenn keiner mehr den anderen kennt, richtig hoch hergeht. Wo dann mit den Masken auch die Gliedmaßen fallen.
      • | FAZIT

      • Wieder eine meisterhafte Krimikomödie aus der österreichischen Haas-Hader-Murnberger-Manufaktur.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

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