Randy „The Ram“ Robinson war in den 80ern ein Star des Profiwrestlings. Jetzt ist er ein abgewrackter Ex-Star. Er steigt noch immer in den Ring, was anderes hat er nie getan, und kann kaum seine Miete für den Wohnwagen im Trailerpark zahlen. Zumal er auch noch hunderte Dollars für seine Medikamente berappen muss: Muskelaufbau ist das Wichtigste für einen Catcher.
Nach einem Kampf erleidet er einen Herzinfarkt. Wieder zu kämpfen kann tödlich sein. Er überdenkt sein Leben. Flirtet mit der Stripperin Cassidy, die sich ihm auch tatsächlich zu öffnen scheint, und nähert sich seiner viele, viele Jahre lang vernachlässigten Tochter an. Doch seine Welt ist das Wrestling. Und davon kann er nicht loskommen.
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| FILMKRITIK
Mickey Rourke war in den 80ern ein Star des Hollywoodkinos. Jetzt ist er ein abgewrackter Ex-Star. Er dreht immer noch Filme, doch er hat auch zwischendurch ganz andere Dinge getan: er war Profiboxer, bis Mitte der 90er.
Dieser zweite Beruf ebenso wie seine Biographie machen ihn zur Idealbesetzung als „The Wrestler“. Und natürlich profitiert der Film von der Kongruenz zwischen Darsteller und Figur, zwischen den Analogien der Karrieren von Rourke und The Ram. Weil man da als unbedarfter Kinogänger schön spekulieren kann: spielt sich Rourke hier selbst?
Das tut er natürlich nicht. Aber er kann seine Erfahrungen einfließen lassen, und er kann seinen Körper sprechen lassen in einer Rolle, die Körperlichkeit fordert, für eine Figur, die nur von ihrem Körper lebt. Rourke liefert sich ganz der Kamera aus; und das wäre auf jeden Fall oscarwürdig gewesen.
Aronofsky weiß, dass sein Film an Rourkes Performance hängt. Der hat seine Figur selbst entworfen, ihre Kleidung, die lange, blondierte Retro-Haarmähne, auch das Hörgerät, worüber es einige Reibereien mit dem Regisseur gegeben hat. Doch nun ist The Ram ganz aus einem Guss, verschmolzen mit seinem Darsteller zu einer der großen tragischen Figuren der Kinogeschichte.
Was nicht bedeutet, dass „The Wrestler“ ein reiner Darstellerfilm geworden wäre. Aronofsky verfolgt hier wieder sein Thema der Obsession, die all seine Filme bestimmte: Paranoia, Drogensucht, Forscherdrang und Todesfurcht – nun porträtiert er einen, der nur im Ring funktioniert, dessen Leben außerhalb nicht stattfindet; der auf Show programmiert ist, eine Show für das sensationslüsterne Publikum, eine Show, der er sich bis zum Tod ausliefert.
In pseudodokumentarischem Stil folgt die Kamera immer wieder dem Wrestler in seinem Alltag, lässt (scheinbar) ihn den Gang der Dinge bestimmen. Und zugleich stilisiert ihn Aronofsky zu einer Passionsfigur. Ein Jesustattoo ist auf seinem Rücken, und Cassidy, seine Lapdance-Freundin, zitiert einmal Mel Gibsons „Die Passion Christi“, da haben sie den Typen zwei Stunden lang mit allem möglichen geschunden. Und dann sind da die Wrestling-Kämpfe, die im Voraus genau abgesprochen sind und bei denen doch die Knochen krachen und heftig Blut fließt, zum Vergnügen des Publikums und mit großem Effekt im Ring inszeniert. Im Kampf vor seinem Herzanfall wird The Ram mit Stühlen und Fenstern und einer Krücke und Stacheldraht und mit einem Tacker traktiert… Und die Tätowierung „Job“ auf Randys Faust bezieht sich nicht nur auf den Wrestler-Jargon, nach dem dieser Begriff das verabredete Verlieren des Matchs bedeutet, sondern auch auf Hiob, den biblischen Spielball zwischen Gott und Satan.
Immer wieder kokettiert Aronofsky mit der Auferstehung. Einmal, indem sein Film für den Darsteller Rourke ein phänomenales Comeback bedeutet. Dann: Die Dramaturgie der Wrestlingkämpfe beruht darauf, dass der „Böse“ den „Guten“ bis fast zur Aufgabe windelweich prügelt und der dann spektakulär in einem letzten Aufbäumen doch noch den triumphalen Sieg erringt. Und schließlich bemüht sich The Ram nach Kräften, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, in den er sein Leben lang hineingeschlittert ist. Wie er da in seinem neuen Job als Verkäufer hinter der Fleischtheke zu Höchstform aufläuft mit seiner Warenübergabe-Performance… wie er sich demütigt, um seiner Tochter näherzukommen, die ihn hasst, die von ihm immerzu tief verletzt wurde… wie er linkisch mit der Stripperin Cassidy flirtet…
Die, von einer kongenialen Marisa Tomei gespielt, ist ein Gegenstück zu Randy The Ram. Eigentlich heißt sie Pam, so wie The Ram eigentlich Robin Ramsinski heißt. Auch sie verkauft ihren Körper, auch sie ist zu alt für den Job. Auch sie hat ihre Würde schon längst an der Garderobe abgegeben und dann die Garderobenmarke verloren. Selbstdemütigung zum Vergnügen der anderen: das ist beider Metier. Und so etwas wie Kameradschaft kann es nur mit Gleichgesinnten, mit ebenso Geschlagenen geben. Doch leider stehen Cassidy und The Ram auf verschiedenen Seiten, er ist Kunde…
Und er kann, das stellt er schließlich fest, die Nestwärme, die seinem Leben fehlt, nur im Ring erlangen, in der Reibung mit einem anderen muskelbepackten, zerschundenen, armseligen, verlorenen Männerkörper.
| FAZIT
Ein faszinierendes Porträt eines Lebensversagers, der sich von abgesprochenem Sieg zu abgesprochenem Sieg hangelt. Und weiß, dass er sich selbst schon längst verloren hat.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung