Sonntag | 27. Mai 2012 | 14:56 Uhr
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  • FILM REVIEW | Sturm
  • Sturm

    Thriller, Drama | Deutschland / Dänemark / Niederlande 2009
  • | INHALTSANGABE

  • Hannah Maynard, Staatsanwältin beim Den Haager Menschenrechtsgerichtshofes, betreibt die Anklage eines serbischen Generals, der an Massakern beteiligt gewesen sein soll. Ein Zeuge gegen ihn aber wird beim Prozess der Lüge überführt. Doch Hannah ist sicher: es war eine Lüge aus Idealismus, um den Täter endlich überführen zu kommen. Bei Recherchen im ehemaligen Jugoslawien trifft sie auf Mira, einer Frau, die sie überzeugen will, als Zeugin aufzutreten. Doch Hannah trifft auch auf alte Seilschaften aus dem Krieg, die die Vergangenheit begraben lassen wollen. Und die Mira, die mit Mann und Kind in Berlin lebt, einschüchtern. Doch Hannah kann Mira für die Anklage gewinnen. Nur um erfahren zu müssen, dass nicht Gerechtigkeit, sondern Kompromiss vor Gericht gelten.
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      • | FILMKRITIK

      • Dass der Film digital gedreht und (zumindest bei der Berlinale) auch digital projiziert wurde und damit nicht die Schärfe und Brillanz einer 35mm-Projektion hat, ist noch das geringste Problem. Und sicher der Grund, warum ich ihn nicht mochte.

        Da sind um Beispiel auf einer grundlegenden Ebene in einem bezeichnenden Detail die Dialoge, die der deutsche Ehemann von Mira, Zeugin in einem Kriegsverbrecherprozess vor dem Den Haager Menschenrechtsgerichtshof, in den Mund gelegt wurden, die stets aufgeschrieben wirken, hölzern, nicht lebensecht. Das führt zu einer Künstlichkeit, die sicher unerwünscht ist – geht es doch um die juristische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im Jugoslawienkrieg der 90er, um die Probleme bei der Anklageerhebung, um Bürokratie, Politik, juristische Spitzfindigkeiten, die dem Erlangen von Gerechtigkeit im Weg stehen; kurz, um einen authentischen Blick hinter die Kulissen einer äußerst wichtigen Institution, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahndet. Wo es aber, so scheint es, oft weniger um Gerechtigkeit geht denn um Kompromisse, um einen Deal, der dann als Recht angesehen wird.

        Mit diesem starken Aspekt der Wirklichkeit, die zu erlangen sich der Film bemüht, reibt sich die Künstlichkeit von Plot und Dramaturgie, die immer wieder auf film- und genregerecht aufbereitete Mittel der Erzählung zurückgreifen – das ist der zweite störende Aspekt. Da ist etwa, um die Hauptfigur der Den Haager Strafverfolgerin Hannah Mayfield emotional tiefer zu charakterisieren, eine Liebesgeschichte zu einem EU-Diplomaten eingebaut, der sich um die Eingliederung der ex-jugoslawischen Staaten in die europäische Staatengemeinschaft bemüht; was sich dann natürlich zu einen Konflikt zwischen Privatem und Beruflichem steigert. Da sind die filmüblichen Sticheleien gegen den Vorgesetzten, der ihre Beförderung weggeschnappt hat. Da sind Drohungen gegen die bosnische Zeugin der Anklage, die aus jedem Mafiafilm stammen könnten.

        Das alles führt zu einem Gehalt an Fiktionsmerkmalen, die freilich dem Wahrheitsanspruch des Themas im Weg stehen. Der sich wiederum ausdrückt in der deutlichen und fast dokumentarisch anmutenden Darstellung der kleinteiligen Recherche nach Beweisen für Kriegsverbrechen. Und der auch durch die dokumentarischen Mittel von Handkamera und ungelenken Zooms impliziert wird.

        Die Probleme sind dabei aber gar nicht die einzelnen Störelemente, sondern – und das ist das Dritte –, dass alles zusammen genommen lange nicht die emotionale Kraft besitzt, die man von Hans-Christian Schmid kennt. Er konzentriert sich auf die Staatsanwältin ebenso wie auf die Zeugin, auf ihre emotionale Entwicklung und ihre Bedenken – ohne dass sich daraus aber irgendeine wirkliche tiefgehende Betroffenheit oder auch nur eine Identifikation ergäben.

        Die zwei Zielsetzungen des Films, die authentische Betrachtung der Arbeit hinter den Kulissen des Den Haager Menschenrechtsgerichtshofes – was ein ganz, ganz wichtiges Thema ist, das wirklich jeden angeht –, und der Versuch, mit zusätzlicher emotionaler Aufladung einen gewissen Massenappeal zu erreichen, passen nicht richtig zusammen. Wie bei den Gerichtsurteilen in Den Haag, wie sie der Film darstellt (als Deal zwischen Anklage und Verteidigung, bei dem für alle Seiten wenigstens ein bisschen was Gutes rausspringen soll), scheint auch „Sturm“ auf einigen Kompromissen zu beruhen. In diesem Sinne ist der Film deutsch-holländisch-dänischer Europudding.

        Über einen der Zeugen, der aus Idealismus vor Gericht gelogen hat, wird im Film gesagt, er liebe die Filme, bei denen am Ende das Gute siegt; so wie bei „Rocky“. Und wie in „Rocky“ zeigt auch dieser Film am Ende einen Sieg des Guten, auch wenn es oberflächlich zu einem Unentschieden zwischen Pro- und Antagonisten gekommen ist. Und das hat halt mit Wirklichkeit, Authentizität oder Glaubwürdigkeit leider wenig zu tun.
      • | FAZIT

      • Gut gemeint, aber nicht richtig gut gemacht. Zu sehr stehen sich deutliche Fiktionsmerkmale und der ehrgeizige Anspruch, Authentisches zu zeigen, im Wege.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 1.0/10 (1 vote)

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