Sonntag | 27. Mai 2012 | 18:26 Uhr
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  • FILM REVIEW | Love Exposure
  • Love Exposure

    Drama, Romanze | Japan 2008
  • | INHALTSANGABE

  • Nach dem Tod der Mutter müssen Yu und sein Vater zurechtkommen. Der Vater wird katholischer Priester – da verliebt sich Kaori in ihn, und die beiden beginnen ein Verhältnis. Sie verlässt ihn wieder, der Vater wird vom Liebeskummer zerfressen und verbittert. Ständig zwingt er Yu zur Beichte, und der muss sich immer neue Sünden ausdenken, um wenigstens in der priesterlichen Vergebung ein wenig väterliche Zuneigung abzubekommen.

    Yu fängt das Sündigen an, für die Beichte. Und wird ein Meister in Upskirt-Fotographien, schnell und kunstvoll geschossene Fotos unter die Röcke junger hübscher Dinger… doch eigentlich träumt er von seiner Madonna, einer mariengleichen Frau, die er lieben könnte. Da begegnet er Yoko und entbrennt für sie. Die ihn allerdings nur in Verkleidung als Miss Scorpion kennt. Und zudem die Tochter von Kaori ist, die zu Yus Vater zurückgekehrt ist. Yu und Yoko müssen als Bruder und Schwester zusammenleben, obwohl er sie liebt – und sie ihn, freilich ohne es zu wissen. Nur als Miss Scorpion kann Yu sich Yoko annähern.

    Doch in das Geschehen greift Koike ein, fanatisches Mitglied der Zero-Sekte. Sie gibt sich ebenfalls als Miss Scorpion aus, klaut Yu also seine Yoko. Und will die ganze Familie in Verzweiflung, dann in die Arme der Sekte treiben. Nur Yu versucht, aus starker Liebe zu Yoko, sie alle wieder der Sekte zu entreißen…
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      • | FILMKRITIK

      • Vier Stunden Film, das kann abschrecken. Sollte es aber nicht, nicht in diesem Fall. Denn Regisseur Sono Sion weiß, sich die Zeit einzuteilen. Er erzählt in Kapiteln, die fast schon eigene Teile einer Miniserie sein könnten, lässt eines zum anderen führen, wobei in allem das Folgende schon eingeschlossen ist, und das Vorhergehende stets nachklingt.

        Zunächst baut Sono Sion ein ganz groteskes Fundament: zeigt Yu und seinen Vater in einer aus Katholizismus, Sündenfetischismus, Verklemmtheit und Neurose gebauten Zwickmühle. Die Mutter hat Yu zur Liebe erzogen, zum Glauben an Gottesmutter Maria. Nach ihrem Tod bekehrt sich der trauernde Witwer zum Katholizismus, wird gar Priester, ein charismatischer Prediger – der sich aufs Neue verliebt. In eine Schlampe. Die ihn wieder verlässt. Woraufhin er besessen ist von der Sünde. Und den Sohn zu ständiger Beichte zwingt. Doch Yu ist ein Guter. Und muss sich deshalb erst mal zwingen, zu sündigen. Um dann bereuen zu können. Um Vergebung vom Vater zu erlangen: Die einzige Zuwendung, die er von dem verbitterten Mann erhalten kann. Die Sünde der Perversion: das ist der ultimative Kick in der verdrehten Vater-Sohn-Geschichte des Filmanfangs, der ersten Filmstunde.

        Und welch fantasievoll ausgestaltete Perversionen der Film zu bieten hat! Yu lernt bei einem Meister des Spannertums, in hartem Training: schnelle Bewegungen, starke Nerven, flexible Choreographie beim Fotoschießen. Mit Digitalkameras unter die Röcke hübscher Mädels, Spanner-Blicke auf blütenweise Höschen. Und das ganze im Kung-Fu-Stil!

        Ein wahrhaft absurdes Theater, in das dann für Yu die Liebe einbricht zu Yoko, der Frau seiner Sehnsucht: seine Madonna. Nun beginnt der Film ein neues Spiel: ein Verwechslungsspiel, denn Yoko kennt Yu nur in Verkleidung als Frau, beginnt also Miss Scorpion zu lieben und lernt ganz neue Neigungen an sich kennen. Dabei ist Yoko die Tochter der Geliebten von Yus Vater, die wieder zurückgekehrt ist, so dass beide wie Bruder und Schwester zuhause nebeneinander wohnen müssen: er liebt sie, sie aber liebt ein weibliches Phantom, ohne zu ahnen, wer dahintersteckt… Und: alles zusammen ist nur ein Farce, inszeniert und angekurbelt und immer weiter getrieben von Koike, hochrangiges Mitglied eines ominösen, sinistren Sektenkults, der neue Mitglieder sucht.

        Es ist selbst kursorisch kaum zu beschreiben, was sich allein auf der Oberfläche der Handlung abspielt, von Nebengeschichten, Subtexten und Symboliken kaum zu reden. Yu und Yoko, sein Vater und ihre Mutter, Koike und die Sekte: dass sind die Figuren, und mit ihnen ergibt sich ein vielschichtiges, komplexes Spiel um Irrungen und Wirrungen.

        Was in Sono Sions Film „Strange Circus“, der vor Jahren ebenfalls im Forum der Berlinale lief, mit der Verschachtelungen der Erzählebenen gelang, das zelebriert „Love Exposure“ mit der Figurenkonstellation, in der die Charaktere virtuos gegeneinander verschoben werden, bis ins Extrem, bis ins Absurde. Wobei Sono Sion meisterhaft mit Ton, Stimmung, Atmosphäre arbeitet: auf der Grundlage des Grotesk-Komischen, das den Anfang bestimmt, baut er eine Liebesgeschichte auf, die ganz wahrhaftig, ganz emotional, ganz durchdringend und unsterblich ist. Wobei sich beides, das Liebesdrama und die Unsinns-Farce, nicht ausschließen, sich nicht gegenseitig im Weg stehen, sondern sich ergänzen: Camp- und Trash-Elemente verwandeln sich in pathetisch-emotionale Kunst. Oder, um vom Soundtrack zu reden: der spielerisch-leichte Bolero von Ravel wird zur gravitätischen Schwere von Beethovens 7. Sinfonie.
      • | FAZIT

      • Vier Stunden Film, und keine einzige Minute ist langweilig. Weil alles drinsteckt, von witzigem Trash bis zu dramatischer Liebe.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 7.0/10 (1 vote)

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