FILM REVIEW | Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte
Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte
Dokumentation
| Deutschland 2009
| INHALTSANGABE
Dokumentarfilm über drei Rechtsanwälte, die in den Ruch der „Terroristen-Verteidiger“ geraten sind: Horst Mahler, Otto Schily und Hans-Christian Ströbele. Nach ihrem Jurastudium haben sie sich Ende der 60er im Umfeld der Apo und des SDS um die Rechtsangelegenheiten der 68er-Revolutionäre gekümmert. Später wurden sie die Anwälte der RAF-Terroristen. Doch schon da haben sich ihre Wege getrennt, die dann zu ganz verschiedenen Laufbahnen wurden: Horst Mahler, der als Mitglied der RAF verurteilt wurde, ist inzwischen Groß-Neonazi und Holocaustleugner; Schily war als SPD-Bundesinnenminister ein harter Hund; Ströbele liegt als Pazifist immer wieder mit seiner eigenen Partei, den Grünen, quer.
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| FILMKRITIK
Birgit Schulz verfolgt die ganz verschiedenen Lebenswege dreier Männer, die in den 60ern ganz ähnlich begonnen haben: Horst Mahler war damals schon so etwas wie eine Legende unter den links orientierten Studenten; zu ihm gesellten sich die jungen Juristen Otto Schily und Hans-Christian Ströbele. Sie behandelten die Rechtsangelegenheiten der 68er-Studenten, auch im berühmt-berüchtigten Benno-Ohnesorg-Prozess; später vertraten sie gerichtlich auch Baader und seine RAF-Truppe, die sich von den weitgehend friedlichen Protesten der Apo und des SDS abgesondert haben und den gewaltsamen Weg der Revolution gegangen sind.
Hier schon zweigt sich Horst Mahler von den Kollegen ab: der stets die Revolution befürwortete, weil er in einem autoritären, protofaschistischen Staat (als den er die BRD ansah) keine Zukunft sah. Während Schily stets die Evolution innerhalb des Rechtsstaates als den richtigen Weg verfolgte… Und Ströbele sich ohnehin mit jeder Ungerechtigkeit auseinandersetzte, die der Staat oder die Medien oder sonstige Stärkeren gegen Schwächere, gegen Protestierende, gegen Neinsager betrieb.
Mahler jedenfalls fuhr mit Baader und Co. ins Terrorcamp in den Libanon: er durchbrach die Grenze zwischen juristischem Beistand und Gemeinmachung mit den Angeklagten. Sein Weg ist ohnehin der gewundenste: während seiner 12 Jahre Haft wegen RAF-Mitgliedschaft konvertierte er zum Rechtsnationalen, und inzwischen ist er verurteilt wegen Holocaust-Leugnens…
Birgit Schulz zeigt diese Lebenswege, indem sie ihre drei Protagonisten selbst erzählen lässt. Das ist in manchen Aussagen von Horst Mahler kaum erträglich, wenn er seine Radikalisierung in welche Richtung auch immer verteidigt; und mitunter ist es sehr entblößend, wenn Schily seine harte, auf reines Sicherheitsdenken ausgerichtete Innenpolitik nach 2001 als direkte Konsequenz seiner Zeit als Apo-Anwalt ansieht… Schulz zeigt dann ein Foto, das Schily unter Polizeihelm mit Gummiknüppel zeigt, fröhlich vereint mit bundesrepublikanischen Sicherheitskräften – und das in krassem Kontrast steht zu einem zuvor gezeigten Bild von Anfang der 80er, als er von der Polizei bei Anti-Atom-Protesten fortgeschleppt wird…
In solchen historischen Bildern, verknüpft mit persönlichen Erklärungen der Protagonisten, auch mit nachträglichen Rechtfertigungen, liegt die Kraft des Films, der die drei Anwälte scharf kontrastiert miteinander, aber auch mit der je eigenen Vergangenheit.
Andererseits zeigt Schulz gerade am Anfang auch wieder mal die immergleichen Bilder der Studentenproteste; vielleicht, um im Zuschauer ein Gefühl für den damaligen Zeitgeist zu entfachen. Für denjenigen, der das alles schon kennt, führen die Wiederholungen der Bilder von Schah-Protest und Springer-Sturm eher zur Abstumpfung. Nicht zuletzt, weil inzwischen diese Bilder von Eichinger gar schon fiktionalisiert wurden in seinem RAF-Blockbuster…
Auf diese 68er-Zeit legt der Film dramaturgisch zu großes Gewicht – interessanter wären da wohl die 80er gewesen, die Zeit, in der sich Mahlers Wandlung von links- nach rechtsradikal vollzog (die vielleicht auch tatsächlich nur der Sprung auf die andere Seite der Medaille war), in der sich Schily und Ströbele als grüne Bundestagsabgeordnete gegen das Polit-Establishment stellten, in denen sich Schily der SPD zuwendete… Und: Man hätte auch gerne mehr erfahren über die tatsächlichen inneren Beweggründe der Anwälte in ihren Karrieren –von objektiver Seite her, nicht nur aus Selbstzeugnissen heraus.
| FAZIT
Die drei Lebenswege der drei Apo- und RAF-Anwälte Mahler, Schily und Ströbele als weiterer Kommentar zur derzeitigen 68er-Debatte ermöglichen einen vertiefenden Einblick in einen wenig bekannten Aspekt der BRD-Geschichte; hätte aber durchaus scharfkantiger ausfallen können.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung