Thriller,
Horror
| Deutschland / Dänemark / Frankreich / Polen / Schweden 2009
| INHALTSANGABE
Nach dem tragischen Tod ihres zweijährigen Sohnes, der in einem unbeachteten Moment aus dem Fenster stürzte, droht die Ehe eines Paares zu zerbrechen. Trauer und Schuldgefühle stürzen die Frau in eine tiefe Depression, aus der sie ihr Mann, ein Therapeut, durch radikale Behandlungsmethoden herausreißen will. Beide ziehen sich in eine einsame Hütte zurück, um ihr die Angst vor den Wäldern zu nehmen. Doch im Verlauf ihres Aufenthalts vergrößern sich die Risse in der Beziehung immer stärker. Mit Aggression und Wut reagiert die Frau auf das Machtgebaren ihres Mannes, bis die Situation eskaliert.
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| FILMKRITIK
Schon immer schreckte Lars von Trier vor keiner Provokationen und keinem Experiment zurück. Ob er bei der unvollendeten „Amerika“-Trilogie auf Kulissen verzichtete, mit der „Dogma“-Bewegung dem Kino die Spontanität und Natürlichkeit zurück geben wollte, einen Zufallsprogramm in „The Boss of it all“ die Bildgestaltung überließ oder pornografische Szenen bei „Die Idioten“ einsetzte – stets waren inhaltliche und inszenatorische Tabubrüche bei ihm Programm. Ebenso liebäugte der begabte Selbstdarsteller schon in der leider ebenfalls unvollendeten TV-Serie „Hospital“ mit dem Schauergenre. Deren bewusste Übertreibungen (etwa Udo Kier als Teufelsbaby) toppt er mit dem Horrordrama „Antichrist“, den man als Splatterversion von „Szenen einer Ehe“ bezeichnen könnte.
Von der Struktur her erinnert die düster-zermürbende Chronik einer Ehehölle an von Triers zweiten Film, den eher schwachen „Epidemic“, eine Film-im-Film-Studie über das Regieführen, wo ein streckenweise intimes Kammerspiel schließlich im Ausbruch des Grauens mündet. Im neuen Werk tritt dies weniger unvermittelt ein, sondern wird von Anfang an mit steten Anspielungen, Metaphern und Symbolen vorbereitet. Schon im schwarzweißen Prolog, an den der Epilog später anknüpft, liegen Schönheit und Schrecken, Poesie und Tod eng beieinander.
Während die Eltern den Geschlechtsakt vollführen, was von Trier mit expliziten Details verdeutlicht, klettert ihr kleiner Sohn aus dem Fenster und stürzt in die Tiefe. Sein Teddybär landet dagegen in der mit Händel unterlegten, in Zeitlupe gehaltenen Szene neben ihm weich im Schnee. Den furchtbaren Todesfall verkraftet besonders die junge Frau nicht, die aufgrund schwerer Depressionen im Krankenhaus behandelt und mit starken Medikamenten ruhig gestellt werden muss. Ihr Mann greift zu einer Radikalkur und verordnet beiden eine gemeinsame Reise zu einer stillen Waldhütte namens „Eden“. Doch der Garten Eden mit seinen sprechenden Tieren und der trügerischen Idylle bietet keine Erlösung, ganz im Gegenteil. Zu Beginn verweisen drei Spielzeugssoldaten mit der Aufschrift „Schmerz“, „Verzweiflung“ und „Gram“ auf den kommenden Ausnahmezustand, zugleich der Titel der ersten drei Kapitel, bis schließlich mit Ankunft der „Drei Bettler“, eine Sternenkonstellation, das angedrohte Chaos einbricht.
Während der von Anthony Dot Mantle wunderbar fotografierte Prolog schon eine surreale Atmosphäre kreiert, setzt Lars von Trier hernach auf eine Kombination aus Handkameraeinsatz, Unschärfen, Jump Cuts und ständigem Perspektivenwechsel, um die anhaltende Verstörung zu unterstreichen. Die Rückblenden in harmonische Zeiten stehen im Kontrast zum Auftreten von Angstzuständen bei der Frau. Während der Mann unterkühlt und mitunter herrisch darauf drängt, sie solle sich der Angst ausliefern, identifiziert seine Frau sich zunehmend mit dem Thema ihrer Dissertationsarbeit, dem Genozid von angeblichen Hexen. Immer stärker verschmilzt sie mit der Natur, „der Kirche Satans“. Im Wald ertönt das Weinen von Kindern, Eicheln hageln bedrohlich auf das Holzdach der Hütte, und aus einem diabolisch wirkenden Baumstumpf ragen Körperteile von Toten.
„Chaos regiert“, prophezeit ein Fuchs dem irritierten Mann in der Wildnis. Sodann tritt dies ein, als sich die Mutter in die Isolation getrieben sieht und mit Wahnsinn reagiert. Im finalen Amoklauf greift von Trier zu drastischen Schockbildern, die weniger mit dem kunstgeschichtlichen Anspielungen der ersten Stunde zu tun haben, sondern tief in die Kiste der Sexualängste langen. Das gipfelt in einer detailierten Kastrationsszene, womit sich die Frau gewissermaßen für den Geschlechtsakt während des Unglücks bestrafen will. Nicht nur in einigen Anklängen an Naturkitsch streift der provokante Däne die Grenze zur unfreiwilligen Komik. Auch die Einlage mit der Blut spritzenden Penisprothese wirkt mehr albern als schockierend. Doch über weite Strecken gelang ihm eine so faszinierende wie verschreckende Horrorvision vom unüberbrückbaren Geschlechterkampf. „Tanz der Teufel“ trifft auf Strindberg und Nietzsche.
| FAZIT
Lars von Triers Depressionstherapie entpuppt sich als schockierender Streifzug durch die Kunstgeschichte mit einigen derben Ausrutschern.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung