FILM REVIEW | Die Welt ist groß und Rettung lauert überall
Die Welt ist groß und Rettung lauert überall
Drama
| Bulgarien / Deutschland / Slowenien / Ungarn 2008
| INHALTSANGABE
Im Bulgarien der Achtziger gerät eine Familie ins Visier des kommunistischen Geheimdienstes. Schwiegersohn Vasko soll Großvater Bai Dan bespitzeln, einen leidenschaftlichen Backgammonspieler, der wiederholt mit respektlosen Äußerungen gegenüber der Obrigkeit auffiel. Kurzerhand entscheidet man sich zur Flucht in den Westen, während Bai Dan mit seiner Werkstatt zurück bleibt. Vorläufig endet die beschwerliche Reise in einem restriktiven italienischen Auffanglager, was zunehmend an den Kräften der Gemeinschaft zehrt. Dank eines Schleppers erreicht die Familie schließlich doch noch das ersehnte Deutschland.
Jahre später verunglücken die Eltern Yano und Vasko bei einem Autounfall, während ihr inzwischen erwachsener Sohn Alexander, genannt Saschko, verletzt überlebt. Als Großvater Bai Dan aus Bulgarien anreist, muss er allerdings feststellen, dass der Enkel sein Gedächtnis verloren hat. Um ihm zu helfen, seine Erinnerungen wieder zu finden, überredet der alte Mann Saschko zu einer gemeinsamen Tandemfahrt von Deutschland über Italien zurück in den Balkan.
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| FILMKRITIK
In seinem zweiten Spielfilm adaptiert Stephan Komandarev den ersten Roman des wie seine Protagonisten in Bulgarien aufgewachsenen Illja Trojanow. Das Road Movie schildert sowohl die langsame Annäherung der kauzigen, eigenwilligen Großvaters Bai Dan zum ihm langst fremd gewordenen Enkel Saschko ebenso wie die einstige Odyssee der Familie ins entfernte Deutschland.
Als Paradies erscheint die neue Bleibe jedoch keinesfalls, da Komandarev den Westen in kalte blaue Farben taucht und die Menschen selten herzlich miteinander umgehen. Doch auch in ihrer alten Heimat konnte sich die Familie angesichts repressiver Überwachungsmethoden nicht entfalten. Vor die Wahl gestellt, den eigenen Schwiegervater verraten zu müssen oder selbst ins Schussfeuer der Interessen zu geraten, entschloss sich Vater Vasko zur Flucht. Zu den bitteren Pointen des Familiendramas gehört der Umstand, dass einige Wendehälse sich stets nach dem jeweiligen politischen Wind richten und immer wieder auf die Füße fallen.
Überhaupt zählen die Rückblenden über die beschwerliche Reise der Familie gen Westen und ihre unangenehme Zeit in einem umzäunten italienischen Flüchtlingslager, wo stets nur Spagetti gereicht werden, zu den stärksten Passagen der etwas uneinheitlich entwickelten Coming-Of-Age-Geschichte.
Trotz sympathischer, lebendiger Charaktere und humorvoller Einlagen kommt der Gegenwartsstrang nicht ohne Längen und aufgesetzter Folklore-Einlagen aus. Auch die kurz angerissene Liebesgeschichte zwischen Saschko und der Ungarin Maria, die er auf einem Campingplatz kennen lernt, wirkt verzichtbar, was mehr noch auf einige Sentimentalitäten gegen Ende zutrifft. Dazu wird noch Backgammon als Spiel des Lebens bemüht, eine etwas aufgesetzte Symbolik.
Zu den Stärken der unter anderem von Karl Baumgartner von Pandora Film mitfinanzierten internationalen Co-Produktion zählt gewiss der wandlungsfähige Miki Manojlovic als unbeugsamer, bauernschlauer Großvater. Zuletzt verkörperte der Emir Kusturica-Stammschauspieler in der französischen Comicverfilmung „Largo Winch“ den Millionen schweren Patriarchen Nerio Winch, der dort ebenfalls seinem Ziehsohn unter die Fittiche nahm. Seine überzeugende Leistung und manche stimmungsvolle Momente helfen bei Komandarevs Literaturadaption über gelegentliche dramaturgische Schwächen hinweg.
| FAZIT
Eine nostalgisch-kritische Rückbesinnung auf Familienwurzeln sowie eine Entwicklungsgeschichte mit überflüssigen Sentimentalitäten und reichlich Lebensweisheiten.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung