Sonntag | 27. Mai 2012 | 22:45 Uhr
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  • FILM REVIEW | Der Informant!
  • Der Informant!

    Thriller, Drama | USA 2009
  • | INHALTSANGABE

  • Marc Whitacre ist noch nicht am Ende seiner Karriereleiter bei ADM, einem Agrarkonzern, als er sich entscheidet, mit dem FBI zusammenzuarbeiten. Er übermittelt Informationen über illegale Preisabsprachen mit Konkurrenten in mehreren Ländern, er trägt Tonbänder und richtet sogar Videoüberwachungen ein von heiklen Treffen, in denen heimlich der Markt aufgeteilt wird. Das ist sehr wertvoll für das FBI; doch andererseits verwickelt sich Marc in Widersprüche, lebt in einer Welt der Illusionen, hofft gar, nach Abschluss der Ermittlungen einen Chefposten bei ADM zu ergattern. Ist unterwürfig und loyal zu seinen Chefs, die er mit dem nächsten Telefonat wieder verrät. Und verschweigt dabei seine eigenen kleinen Nebeneinkünfte, die ihm zwei, nein fünf, nein: sieben (um genau zu sein: neun) Millionen Dollar eingebracht haben durch Bestechungen und Unterschlagungen…
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      • | FILMKRITIK

      • Matt Damon ist so was von auf der Höhe in diesem Film, er ist Marc Whitacre, er ist das Herz des Films, und er genießt es, darstellerisch so richtig Platz zu haben, sich zu entfalten. Ja: Damon, das merkt man, weiß genau, was er mit dieser Figur anzufangen hat. Auf eine merkwürdige Weise, vielleicht gar nicht bewusst, lässt er Manierismen einfließen anderer Schauspieler, er spielt eine Art Mischung aus Philipp Seymour Hoffman (wie er die Brille hochrückt!), aus Leonardo DiCaprio (das Spiel mit den Augenbrauen! Mit den Mundwinkel!), und aus John C. Reilly, der das ganz alberne so ernst rüberbringen kann. Das alles natürlich einerseits auf Damon-Art; andererseits passt diese eklektische Vielfalt des Spiels auch auf Marc Whitacre. Denn der weiß selbst nicht so recht, wer er ist und was er ist. Und warum.

        Er füllt sich wie in einem Crichton-Roman, Tom Cruise in „The Firm“ ist immer wieder ein Referenzpunkt; außerdem sieht er sich als Agent 0014, „doppelt so schlau wie 007“: weil er die Preisabsprachen, die illegalen Machenschaften seines Arbeitgebers an das FBI verrät. Und dabei im Herzen ganz loyal zu seiner Firma, zu ADM steht. Dort veranstaltet er das große Aufräumen, das ihm dann letztlich an die Konzernspitze katapultieren soll, ihn, der die Firma in den Abgrund reißt. Aus Gewissensgründen kann er nicht mitansehen, wie der Verbraucher im Supermarkt beim Lebensmitteleinkauf durch widerrechtliche Absprachen, durch Kartellgründung und überhöhte Preise über den Tisch gezogen wird. Durch Bestechungsgelder und Unterschlagungen hat er freilich seine Schäfchen längst ins Trockene gebracht. Für ihn ist das Informationensammeln für das FBI ein Nervenkitzel, etwas Aufregendes, Anderes, ja, vielleicht gar etwas Sinngebendes. Er ist ein notorischer Lügner, eine bipolare Persönlichkeit, die Widersprüchlichkeit in Person, einer, der gar nicht anders kann als andere und sich selbst zu täuschen, zu beschwindeln, der Illusionen aufrechterhält mit unerschütterlichem Optimismus und dabei dummerweise sich selbst in den Abgrund schleudert.

        Wenn Damon das Herz des Films ist, ist Steven Soderbergh das Gehirn. Er ist hier ebenfalls auf der Höhe, und das, wo er doch derzeit Filme raushaut wie nix: neben der zweigeteilten Guevara-Biographie, in der der Realismus immer wieder mit dem Mythos zusammenstößt, gibt es auch noch das Experimentalstück „The Girlfriend Experience“, das bisher noch gar nicht in Deutschland rausgekommen ist. Und während seine erfolgreichen „Ocean’s“-Filme witzige Hyperironien waren, geht er nun in „Der Informant“ ganz direkt ran, geradezu geradlinig, beinahe wie ein echter Mainstream-Film. Nur dass er aus diesem Wirtschaftskrimi kein Drama, keinen Thriller, sondern eine feine Komödie macht. Weil all das, was da in den 90ern tatsächlich passiert ist, so lächerlich, so irrwitzig ist.

        Er beweist ein sehr gutes Gespür für die Geschichte und die Figuren und dafür, wie der Film zu erzählen ist: nämlich über Whitacre selbst, dem man nie trauen kann. Was man erst nach einer Weile rausfindet. Zu dessen Handeln Soderbergh einen Voice-Over-Kommentar stellt, einen inneren Monolog, der immer wieder vom Geschehen abschweift und nur noch assoziativ mit dem Plot zusammenhängt, wenn Whitacre über deutsche Wörter, Eisbären, seine Hände oder Indoor-Swimmingpools philosophiert.

        Das Schöne ist, wie der Film einerseits Whitacres Sicht auf sich selbst und auf die Welt präsentiert und daneben das, was wirklich los ist, wie er sich wirklich verhält: in jedem Moment ist Whitacre wahrhaftig, auch wenn er diametral dem widerspricht, was er in der vorhergehenden Szene gesagt oder getan hat: der Lügner glaubt sich selbst. Und wie er dann irgendwann ganz nebenbei an seinen Haaren rückt: es ist alles falsch an ihm; und keiner um ihn herum bemerkt es.
      • | FAZIT

      • Komödie über einen irrwitzigen Fall von Wirtschaftsverbrechen; und über eine höchst widersprüchliche Person, die alles ins Rollen bringt, auch sich selbst.
      • | BEWERTUNG

      • Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung
      • Gesamtwertung:
      • Autor: Harald Mühlbeyer

      • | Userwertung

      Wertung: 4.5/10 (2 votes)

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