Auf dem Landgut des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi hängt 1910, seinem letzten Lebensjahr, der Haussegen schief. Ehefrau Sofia befürchtet, dass der Schriftsteller ihr in einem neuen Testament die Rechte an seinen Werken wie „Anna Karenina“ und „Krieg und Frieden“ entziehen will. Während Tolstoi Besitzstreben ablehnt und das Elend der armen Bevölkerung beklagt, ist seine Frau ganz und gar nicht bereit, auf den Wohlstand einer Gräfin zu verzichten.
Tolstoi umgibt sich mit Anhängern, die auf dem Gut Jasnaja Poljana ein- und ausgehen. Sie gehören zur Bewegung der Tolstoianer, die unter anderem Nächstenliebe und Enthaltsamkeit predigt. An ihrer Spitze steht Tolstois engster Vertrauter, Vladimir Chertkov. Er will den schriftstellerischen Nachlass verwalten, wenn Tolstoi seine Werke dem Volk vermacht. Der neue Privatsekretär Tolstois, Valentin Bulgakov, wird sowohl von Chertkov, als auch von Sofia Tolstoi bedrängt, ihnen als Spitzel zu dienen.
Bulgakov, der sich in die junge Masha aus einer benachbarten Tolstoianer-Kommune verliebt, sitzt in Jasnaja Poljana zwischen den Stühlen. Er verehrt Tolstoi, versteht aber auch seine Frau. Um dem ehelichen Dauerstreit zu entkommen, bricht der 82-jährige Schriftsteller mit seinem Arzt, seiner Tochter Sasha und Bulgakov zu einer letzten Reise auf. Im Zug erkrankt er an Lungenentzündung und muss im kleinen Ort Astapowo im Haus des Bahnhofsvorstehers untergebracht werden.
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| FILMKRITIK
„Ein russischer Sommer“ ist die unglaubliche, aber doch um Wahrheit bemühte Geschichte des letzten Lebensjahrs von Leo Tolstoi. Mit Christopher Plummer als dem Schriftsteller mit dem weißen Bart und Helen Mirren als seiner kämpferischen Ehefrau Sofia ist dem amerikanischen Regisseur Michael Hoffman eine sehenswerte, atmosphärisch dichte Inszenierung gelungen. Basierend auf dem biografischen Roman „Tolstojs letztes Jahr“ von Jay Parini, versucht das Drama die schwierige Beziehung der Eheleute im Jahr 1910 zu ergründen, als sich auf dem Landgut zahlreiche Anhänger des sozialreformerisch beseelten alten Mannes tummelten.
Die deutsche Produktion in englischer Sprache ist auch in den Nebenrollen hervorragend besetzt. James McAvoy spielt den begeisterungsfähigen Privatsekretär Valentin Bulgakov, der nach Jasnaja Poljana kommt. Der schüchterne junge Mann verliebt sich in die Kommunardin Masha. Chertkov, ein verbissener, ehrgeiziger Mensch, wird von Paul Giamatti dargestellt. Der alte Tolstoi, der sich stets nach Bauernart kleidet mit einem langen, von einem Gürtel zusammengehaltenen Hemd und schwarzen Stiefeln, betrachtet Chertkov jedoch als seinen besten Freund.
Helen Mirren spielt Sofia Tolstoi als standesbewusste Gräfin, die von den Anhängern ihres Mannes nichts hält. Voller Argwohn und Zorn muss sie zusehen, wie sie aus dem Leben des Schriftstellers immer mehr ausgegrenzt wird. Ihre eleganten Kleider stehen in auffälligem Kontrast zu den Gewändern Tolstois, und beim Tee im Garten oder auf der Terrasse wird ihr Urteil über Chertkov und auch über ihren Mann immer hasserfüllter. Dazwischen kämpft sie nahezu verzweifelt um Momente zärtlicher Nähe. Mirren vermeidet das Abrutschen in Hysterie und verleiht Sofia eine tragische Größe.
Tolstoi erscheint als ein alter Mann, der sich nach Harmonie sehnt und sich von Chertkov zum Unterzeichnen eines neuen Testaments überreden lässt. Dadurch fühlt er sich als Verräter an seiner Frau. Die Szenen einer Ehe, die nach über 40 Jahren in eine Sackgasse geraten ist, werden ohne Schuldzuweisungen geschildert: Sehr glaubwürdig entsteht ein Eindruck der Zerrissenheit, die Tolstois letzte Monate getrübt haben muss.
Das Rauschen der Birken auf dem Gut symbolisiert die Weite der russischen Landschaft in diesem optisch sehr hübsch gestalteten Film. Im Abspann sieht man in Original-Filmaufnahmen aus jener Zeit Tolstoi und seine Entourage auf dem Land. Diesen Personen und ihren privaten Dramen, in denen sich die großen sozialen Gegensätze im Russland jener Zeit spiegeln, verleiht „Ein russischer Sommer“ große Lebendigkeit.
| FAZIT
Sehenswerte Rekonstruktion des Ehedramas, das Leo Tolstois letztes Lebensjahr überschattete.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung