In ihrem schäbigen Wagen befindet sich die arbeitslose Wendy auf dem Weg nach Alaska, wo sie einen Job zu finden hofft. Begleitet wird sie von ihrem Hund Lucy. Als ihr Auto in einer Kleinstadt in Oregon seinen Geist aufgibt, fehlt Wendy das Geld für eine Reparatur.
Kurz entschlossen entwendet die junge Frau einige Waren im örtlichen Supermarkt, vor dem sie ihren Hund angebunden hat, wobei sie von einem Angestellten erwischt wird. Nachdem man das mittellose Mädchen für einige Stunden im Gefängnis festsetzte, ist ihr Hund verschwunden. Verzweifelt versucht Wendy nun, Lucy aufzuspüren, doch ihre Anstrengungen sind von keinerlei Erfolg gekrönt.
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| FILMKRITIK
Bei der Vorbereitung einer Independentproduktion ist Einfallsreichtum gefragt. Da sich Regisseurin Kelly Reichardt während der Dreharbeiten keinen teuren Hundeaufseher leisten kann, baut sie ihre Storys kurzerhand um eine Tiergeschichte herum. Zum zweiten Mal nach „Old Joy“, die minimalistisch entwickelte Studie einer erlöschenden Männerfreundschaft, adaptierte sie mit geringen finanziellen Mitteln eine Kurzgeschichte von Jon Raymond, in der ihr Hund erneut eine kleine Rolle spielt.
Lange Zeit gelang es der in New York lebenden Filmemacherin nach ihrem 1993er Debüt „River of Grass“ nicht, ein weiteres Projekt auf die Beine zu stellen. Statt dessen unterrichtete sie Film an der New Yorker University und verwirklichte Kurzfilme auf Super-8. Inzwischen fand Reichardt allerdings zahlreiche Fürsprecher wie den Musiker Will Oldham, der in „Old Joy“ die Hauptrolle übernahm, oder ihre Kollegen Todd Haynes („I’m Not There“) und Larry Fessenden („The Last Winter“), die „Wendy & Lucy“ produzierten. Zudem treten Oldham und Fessenden in Nebenrollen als zwei (teils unangenehme) Zeitgenossen auf, die den Weg der arbeitslosen Wendy kreuzen.
Reichardt mag sich im Charakter der Obdachlosen wieder gefunden haben, die aus eigener Anstrengung versucht, ihrer Misere zu entfliehen, was ihr kaum gelingt. Man erfährt wenig über die Biografie des Mädchens auf dem Weg nach Alaska, das dort auf eine Anstellung in einer Fischfabrik hofft. Ledig ein kurzes Telefongespräch mit der Schwester zeigt, dass Wendy von ihrer Verwandtschaft keinerlei Hilfe erwarten kann. Das wenige Geld, das sie bei sich trägt, reicht nicht aus, um das defektes Auto zu reparieren oder sich gar eine sichere Bleibe zu suchen. Ein Ladendiebstahl bringt Wendy nicht nur mit dem Gesetz in Konflikt, sondern sorgt zudem dafür, dass sie mit dem Hund Lucy ihren einzigen Freund verliert.
Reichardt zeichnet ein kompromissloses Bild von Amerikas Norden, einer unwirtlichen Gegend aus Supermärkten, verwaistem Industriegelände und ausgestorbenen Wäldern. Mitleid und menschliche Wärme sind hier kaum zu erwarten. Während einer notgedrungenen Übernachtung im Freien wird Wendy etwa von einem Gestörten (Larry Fessenden) angefallen, was noch einigermaßen glimpflich ausgeht, aber der jungen Frau einen Schock versetzt. Selbst Hilfsbereitschaft kann sich als trügerisch erweisen. In ihrem Auftreten wirkt Wendy zudem als sehr introvertiert. Sicher gehört sie nicht zu den Menschentypen, die sofort auf andere zugehen.
Perfekt schlüpft Michelle Williams in die Haut des einsamen Mädchens im Karohemd und der gesamten Habe in einem Rucksack. Schon früh gelang es dem Star aus der Serie „Dawsons Creek“, ihr Teeniestar-Image abzustreifen und im Arthouse-Kino etwa bei Wim Wenders oder Ang Lee zu reüssieren. Trotzdem glaubte Kelly Reichardt zunächst, Williams sei zu glamourös, um die auf der sozialen Leiter unten angekommene Wendy zu verkörpern. Doch mit struppigem schwarzem Haar und kurzen Hosen wirkt sie wie jemand, den man auf der Straße nicht weiter beachten würde.
Trotz oder gerade aufgrund des ungekünstelten, naturalistischen, direkten Stils gelang Reichardt eine emotionale Charakterstudie. Nicht nur wegen des Hundebonus wirkt das Charakterdrama eindringlicher und packender als das ruhige, still beobachtete Freundschaftsporträt in „Old Joy“. „Wendy und Lucy“ zeigt die Kehrseite des amerikanischen Traums, in dem Humanität an den Rand gedrängt wird.
| FAZIT
Ein großer kleiner Film über Menschen am Straßenrand, der 2008 zu den Favoriten der US-Filmkritik zählte.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung