FILM REVIEW | Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft
Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft
Musik,
Dokumentation
| USA 2008
| INHALTSANGABE
Anvil war Anfang der 80er ganz groß, auf dem Weg in den Superstarhimmel der Heavymetalbands – doch dann kam der Absturz, einfach so, es hat halt nicht geklappt. Und inzwischen fristen die Anvil-Bandmitglieder ein bescheidenes Dasein in der Provinz bei Toronto, haben ab und zu einen Gig und müssen sich ansonsten mit beschissenen Jobs rumschlagen. Dann finden sie eine neue Managerin, die ihnen eine Europatournee bucht – ist das das Comeback? Nein: ein weiterer Reinfall. Doch Anvil geben nicht auf: sie produzieren mit geliehenem Geld eine neue Platte, ihre dreizehnte, mit ihrem alten Produzenten aus den frühen Achtzigern: Das muss doch jetzt aber mal hinhauen, oder?
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| FILMKRITIK
Slash, Lemmy, Lars Ulrich sind ratlos: Warum war Anvil kein Erfolg beschieden? Sie spielten den härtesten Heavy Metal, damals, Anfang der 80er, ihre drei ersten Alben – vor allem „Metal on Metal“ – waren Durchschlaghämmer. Und dann versanken sie, gingen komplett unter, im Gegensatz etwa zu Metallica, Megadeth, Slayer, die alle nach Anvil durchstarteten…
Auf der Abschussrampe sind Anvil abgestürzt, irgendwann nach 1983, sie haben es einfach nicht geschafft. Und sie sind immer noch ganz unten, das ist ihre Tragik: dass sie sich immer wieder aufzurappeln versuchen auf dem Glatteis des eigenen Lebens, der eigenen Karriere, und immer wieder auf die Schnauze fallen.
Es gibt Anvil noch, voller Power, voller Enthusiasmus – und vor einem Minipublikum treuer Fans in der kanadischen Provinz. Dort fristen sie ihr Leben, Sänger/Gitarrist Steve „Lips“ Cudlow (früheres Markenzeichen: Gitarrenspiel mit einem Dildo) fährt Schulessen aus, ein Scheißjob, und nur der Gedanke an Anvil hält ihn aufrecht. Beinahe Erfolg gehabt zu haben ist schlimmer, als immer erfolglos gewesen zu sein: Denn nun wird der Traum immer wach bleiben, und er fühlt sich täuschend einem Alptraum ähnlich. Sacha Gervasi, selbst Anvil-Fan, verfolgt die Musiker, ist ganz nah dran, und mein Gott: Wie erbärmlich ist das, was er zeigt! Und wie überaus komisch!
Neue Chancen tun sich immer wieder auf, und es ist, als wolle der Teufel – dem Anvil in ihrer Musik immer wieder die Referenz erweisen – sich über sie lustig machen. Eine Europatournee geht völlig in die Hose, dabei fängt es so toll an, auf einem schwedischen Rockfestival, wo Lips all seine Kollegen trifft, die es geschafft haben: Carmine Appice, Michael Schenker… wie ein aufgeregtes Kind an seinem Geburtstag flitzt er über das Backstagegelände – und keiner kennt ihn mehr… Auf dem Weiterweg zum nächsten Gig ist der Zug ausgebucht, einmal verpassen sie ihren Zug, in Prag verfahren sie sich und fangen zwei Stunden zu spät mit ihrem Konzert an – werden dafür auch nicht bezahlt, sondern nur mit einem Topf Gulasch abgespeist –, in München wurde versäumt, Plakate aufzuhängen, und es tauchen drei, vier Hanseln auf. In Rumänien ist fürs Abschlusskonzert eine Riesenhalle gebucht, 10.000 Plätze, die Band gibt ihr bestes, die Fans sind begeistert – alle 174 Stück. Die Organisation, das Management ist eine Katastrophe – und der zweite Gitarrist hat sich in die Managerin verliebt, zuhause in Kanada ist große Hochzeit. Später wird er für sie die Band verlassen.
Lips hat sich einen stoischen Optimismus zugelegt: Schlimmer kann es gar nicht werden. Deshalb kann man ruhig alles probieren, um wieder hochzukommen.
Anvil kontaktieren ihren alten Manager, sie wollen eine neue Platte aufnehmen, die dreizehnte, und diesmal soll sie wieder mal so richtig gut werden. Das kostet – und Lips muss sich wieder mal demütigen, versucht sich in einem Callcenter, das einem der Fans gehört (die sind ja alle mit der Band bekannt, so scheint es, eine kleine community). Und muss auch dort versagen, er, der auf der Bühne den Showman gibt, ist viel zu ehrlich, um unbescholtenen Bürgern irgendwelches Zeug aufzuschwatzen. Schließlich bekommt er das für die Aufnahmen benötigte Geld – einige tausend Dollar – von seiner Schwester geliehen.
Familie: Das ist ganz wichtig für die Anvil-Mitglieder. Denn sonst würden sie zusammenbrechen, wenn überhaupt kein Verständnis da wäre, wenn sie ganz allein die Last der permanenten Erfolglosigkeit tragen müssten. Und ebenso essentiell ist die Freundschaft: Die hält die Band ohnehin zusammen, Lips und sein Drummer haben sich in der Schule schon zusammengetan für ihr Bandprojekt… Das ist der Untergrund des Film, die Message, die Gervasi transportieren möchte – aber natürlich werden die Werte von Freundschaft und Familie unterlaufen, wenn dennoch kein Entkommen ist vor dem Scheitern, das zum Dauerzustand geworden ist. Dementsprechend ironisch geht Gervasi seinen Fan-Film an, freilich ohne seine Protagonisten herabzusetzen, ihnen in den Rücken zu fallen: diesen Part hat schon das Schicksal übernommen.
Wir freilich, im Kinosaal: Wir lachen. Denn das Scheitern ist auch etwas sehr Komisches, zumal der Traum, dem Lips und Co. vergeblich hinterherjagen, vor fast 30 Jahren an ihnen vorbeigerauscht ist, ein Traum von Musik, die freilich heutzutage hoffnungslos unmodern wirkt: Einmal hören wir, wie Lips bei den Aufnahmen klingt, wenn die Musik nur für ihn hörbar aus den Kopfhörern schallt: ein röhrender, rauer, krächzender Singsang… Und wir erkennen, dass sein Freund und Drummer ganz recht hat, wenn er schlechte Stimmung im Tonstudio verbreitet. Womit sich ein Drama der zerbrochenen Freundschaft anschließt, eine Trennung der Band gar – und dann eine Soapopera-Versöhnung, ein Weitermachen voller Trotz und ohne Chance.
In der Tat: „Anvil!“ wirkt in der Darstellung der erbärmlichsten Rocker-Existenzen, in der Diskrepanz von Pose und Wirklichkeit, von Traum und Scheitern wie eine Real-Form der großen Metal-Persiflage "This is Spinal Tap" (Regie: Rob Reiner, aus dem Jahr 1984, als die 15 Minuten Ruhm von Anvil schon vorüber waren). Und ist es ein Zufall: Der Drummer von Anvil und allerbester Freund von Lips heißt - Robb Reiner.
| FAZIT
Dokumentation über eine vergessene Rockband, die das Zeug zu ganz Großem hatte – und deren Scheitern zum Dauerzustand wurde.
| BEWERTUNG
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