Larry Gopnik, Physik-Professor, versteht die Welt nicht mehr. Seine Frau will sich scheiden lassen, sie hat jetzt was mit Sy Ableman; Sohn und Tochter interessieren sich für nichts, Onkel Arthur, den er aus Mitleid bei sich wohnen lässt, blockiert das Bad und will nicht mehr weg; und der Nachbar beschneidet seine Rasenfläche, will gar direkt an die Grundstücksgrenze eine Gartenhütte bauen! Sein ganzes Leben zerfällt, zerrinnt zwischen seinen Händen, und er kann nichts machen. Auch die Rabbis, die er um Rat fragt, können nicht wirklich helfen, und dass Sy Ableman bei einem Autounfall stirbt, bedeutet nicht, dass seine Frau ihn nicht mehr verlassen will, sondern, dass er für seine Beerdigung aufkommen soll. Könnte da das Bestechungsgeld helfen, das ein südkoreanischer Student nonchalant auf seinem Schreibtisch hat liegen lassen, damit er nicht durchfällt?
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| FILMKRITIK
Die Coen-Brüder wieder. Nach dem starbespickten Nonsens-Vehikel „Burn After Reading“, in dem die Scherze von außen den Figuren auferlegt wurden, zogen sie sich für „A Serious Man“ zurück – weg von bekannten Gesichtern, in ihre Heimat in Minnesota, in die dortige jüdische Gemeinde. Und erzählen eine kleine Geschichte von einem kleinen Mann, dem allerhand passiert – was aber andererseits auch nicht so viel ist, dass irgendwer einen Film daraus gemacht hätte. Außer den Coens eben. Die erzählen so was. Auch wenn’s keinen Sinn ergibt.
Zunächst aber: Osteuropa. Kleines Häuschen. Jüdisches Ehepaar. Astreines jiddisch. Und ein Gast: der vielleicht ein böser Geist ist, und die Frau will das beweisen.
Kann man einen Film so anfangen? Zumal diese Pre-Title-Sequenz nichts mit dem restlichen Film zu tun hat? Ja, man kann. Denn damit ist der Ton gesetzt: Die Zusammenhangslosigkeit, die Sinnlosigkeit, die über einem Manne, über Larry Gopnik, hereinbricht, dem das Leben wegbricht, obwohl er doch gar nichts getan hat. Oder gerade deshalb?
Es ist eine Hiobs-Geschichte, die die Coens erzählen, letztendlich: eine moralische Moritat. Nur dass die Moral die Hoffnungslosigkeit postuliert, die Unsicherheit, die im Leben steckt, die Unvermeidlichkeit des Schicksals, die diesen armen Schlucker trifft. Und das alles als Komödie! Als sehr, sehr lustige Komödie.
Erst weiß man gar nicht, worum es geht. Man weiß auch nicht, um wen es geht. Man weiß nur: alles sehr jüdisch. Dann schält sich die Story um Larry heraus, Physikprofessor, Ehemann, Vater zweier Kinder, dem das Leben aus den Händen gleitet, und er kann das nicht verstehen. Der Sohn will immer nur Fernsehen, aber die Antenne ist falsch ausgerichtet. Die Tochter will abends ins „Hole“ und muss sich die Haare waschen, aber das Badezimmer ist von Onkel Arthur belegt. Der schreibt an seinem Mentaculus, einer Landkarte der universalen Wahrscheinlichkeit, und belegt neben dem Bad auch die Couch auf dem Wohnzimmer. Und die Frau will die Scheidung, sie hat jetzt was mit Sy Ableman, das ist halt so, muss man mit klarkommen, ganz erwachsen. Am besten ist, wenn Larry auszieht, das Motel „Jolly Roger“ ist doch recht bequem, oder? Seine Verbeamtung steht an, am nächsten Mittwoch, und da sind diese anonymen Verleumdungsbriefe; und in seiner Schreibtischschublade liegt ein Umschlag mit Bestechungsgeld von einem südkoreanischen Austauschstudenten. Und die Platte des Monats vom Schallplattenclub soll er auch bezahlen, obwohl er da nie beigetreten ist!
Kann denn keiner helfen? Hat Gott ihn auf dem Kieker? Oder was ist los? Larry sucht Rat bei Rabbis, bekommt dort aber nur Gedankenfragmente über Parkplätze oder über die Zähne eines Goj – hilft halt alles nichts. Als Jude ist man nie allein mit seinen Problemen, sagt einmal jemand, man steht in einer langen Tradition, für jede Lebenssituation gibt es eine Geschichte von einem, dem es schon ähnlich gegangen ist. Nur: Diese maßgeschneiderte Geschichte muss man erstmal finden, und kann sie dann auch helfen?
Die Coens achten sehr sorgfältig darauf, dass nichts in ihrem Film Sinn ergibt – und inszenieren das mit größter Sorgfalt, mit größter Leichtigkeit, diese Dramatik des Lebens, die so komisch ist. Und gerade im scheinbar Unverknüpften, in den leeren Räumen, die sich zwischen den Bildern, zwischen den Geschichten ergeben, liegt der Sinn, die Moral, die Bedeutung des Films. Eben gerade da, wo nichts ist: darum geht es, um das Nichts. Beziehungsweise um die Fragen, die Gott uns stellen lässt und für die er keine Antwort gibt. Beziehungsweise um die Weisheit, die immer haargenau danebentrifft. Beziehungsweise um Jefferson Airplane: “When the truth is found to be lies, and all the joy within you dies” – dann, ja was dann?
| FAZIT
Ein wahres Meisterwerk der Coen-Brüder: Die Geschichte des Niedergangs eines kleinen Mannes als ganz menschliche Komödie.
| BEWERTUNG
Dieser Film erreichte auf einer Skala von 0 - 5 Punkten (5 = sehr gut) folgende Wertung